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Bumm, bumm, bumm. Unentwegt hämmert es an der Sicherheitstür. Es ist ein Flug von Berlin nach Paris und im Cockpit des Airbus A319 lässt sich keiner der beiden Piloten vom Lärm beirren. Noch nicht. 7500 ist in der internationalen Luftfahrt der Code für eine Entführung. Regisseur Patrick Vollrath hat für den gleichnamigen Film gemeinsam mit Senad Halilbašić das Drehbuch verfasst. Es ist seine erste internationale Produktion nach der Oscar Nominierung für den Kurzfilm Alles wird gut im Jahr 2015.

Im Prolog sieht man Bilder von Überwachungskameras auf dem Flughafen Berlin. Wobei es sich in der Realität um den Flughafen Wien handelt. Vollrath hat hier an der Filmakademie studiert und sein Oscar-Kandidat war der Abschlussfilm. Bald begeben wir uns ins Cockpit und die Kamera wird es bis zur letzten Einstellung nicht mehr verlassen. Eine spannende Entscheidung, die dem Film eine große Authentizität und Dichte verleiht aber auch so manches Problem mit sich bringt.

Im Cockpit sitzen Pilot Michael Lutzmann (Carlo Kitzlinger) und sein Copilot Tobias Ellis (Joseph Gordon-Levitt). Tobias ist Amerikaner und lebt mit seiner Lebensgefährtin und deren Sohn in Berlin Kreuzberg. Sie heißt Gökce (Aylin Tezel) und ist Stewardess. An diesem Abend fliegen die beiden zufällig gemeinsam.

Es kommt wie es kommen muss. Drei muslimische Extremisten (Murathan Muslu, Omid Memar und Paul Wollin) versuchen das Cockpit zu stürmen. Der Film beschäftigt sich fortan mit der Frage: Cockpittüre öffnen oder nicht. Was machen, wenn die Liebste mit dem Leben bedroht wird? Die Vorschriften sind klar. Die Tür bleibt zu. Ausnahmslos. Die Entführer hämmern pausenlos an der Tür, versuchen sie aufzubrechen.

Das Hämmern ersetzt gewissermaßen die Filmmusik, die es nicht gibt. Interessanterweise nimmt man es als Zuseher irgendwann nicht mehr richtig war. Es begleitet einen aber noch nach verlassen des Kinosaales. So eindringlich ist der stumpfe Ton.

Gordon-Levitt steht natürlich im Zentrum von 7500. Die Kamera lässt ihm kaum eine Verschnaufpause. Stress und Verzweiflung sind ihm im fast komplett dunklen Cockpit ins Gesicht geschrieben, das wir aufgrund des engen Raumes immer knapp vor uns haben. Der Film ist für heutige Verhältnisse mit 92 Minuten relativ kurz und die gehören Gordon-Levitt fast alleine.

Die Idee, die Handlung ausschließlich in einem Cockpit spielen zu lassen, ermöglicht einen größtmöglichen Realismus. Gedreht wurde in einem echten Cockpit. Die Enge wird spürbar (Kamera: Sebastian Thaler). Allerdings schrängt das die dramaturgischen Mittel stark ein. Es mangelt an Charakteren zu denen man eine emotionale Bindung aufbauen kann. Die Passagiere sieht man nicht. Ziemlich genau ab der Mitte hängt 7500 deshalb im wahrsten Sinne des Wortes etwas in der Luft. Sowohl der Raum als auch die Zeit sind das formale Konzept, in das der Film gezwängt wird. Die Geschichte spielt weitgehend in Echtzeit und das funktionert sehr gut.

Da der Film in bzw. über Deutschland spielt, ist der Anteil an Deutscher Sprache vor allem im letzten Teil sehr hoch. Das Ende zieht sich etwas und verpflichtet das internationale Publikum zum Lesen von Untertiteln, da die Attentäter aus Deutschland stammen. Deren Motive sind nur bedingt glaubwürdig. Sie wollen sich schlicht am Westen rächen und stellen keinerlei Forderungen.

7500 spielt mit einer Idee, die ausbaufähig ist. Gut möglich, das der Stoff demnächst als Remake den Weg ins Kino finden wird. Vielleicht wieder mit Patrick Vollrath als Regisseur. Der Schritt in den internationalen Markt ist geschafft. Man kann ihm nur eine erfolgreiche Karriere wünschen.

7500 | PATRICK VOLLRATH | D/AUT 2019 | 92 Min. | 3 out of 5 stars


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