Burning | Chang-dong LEE

Sein Ruf eilt Burning voraus. Obwohl in Cannes 2018 nur mit dem FIPRESCI-Preis abgespeist, zieht der erst sechste Film des koreanischen Regisseurs Lee Chang-Dong bereits seit dem letzten Jahr eine Spur der Begeisterung quer über den Erdball. Lee setzt sich mit dieser Mystery-Romanze über sämtliche narrativen Konventionen hinweg und beschert uns eine der schönsten Filmszenen der letzten Jahre.

Lee sieht im heutigen Kino das Gesamterlebnis über allem stehen, bei dem das Publikum möglichst nah am Geschehen dabei sein soll. Authentizität wird großgeschrieben. Dabei scheint es ihm wichtig hier auf Distanz zu gehen. Seine unkonventionelle Geschichte ist für das Publikum eine Herausforderung, weil sie kaum Identifikationsmöglichkeiten mit den drei handelnden Figuren bietet.

Im Mittelpunkt steht der aus einer Bauernfamilie stammende angehende Schriftsteller Jong-su (Zoo Ah-in), der sich seinen Lebensunterhalt als Tagelöhner verdingt, als er eines Tages auf Hae-mi (Jean Jong-Sei) trifft, die sich als Jugendfreundin ausgibt. So richtig erinnern kann sich Jong-zu an sie aber nicht. Nach einer kurzen Romanze begibt sich Hae-mi auf eine längere Reise. Zurück kommt sie mit Ben (Steven Yeun) an ihrer Seite. Eine starke Konkurrenz für Jong-su, ist Ben doch klar erkennbar aus besserem Hause und gibt sich als galanter Sonnyboy, für den die Arbeit nur ein Spiel ist. Die anfängliche Romanze bekommt zusehends mysteriöse Zwischentöne und so wie Jong-su immer mehr zu Zweifeln beginnt, ob alles mit rechten Dingen zugeht, wird man selbst zusehends skeptischer. Nur legt Burning dem Publikum keine Fährte und mit Erklärungen gibt sich Lee erst gar nicht ab.

Da ist zum einen die Katze von Hae-mi, auf die Jong-zu während ihrer Abwesenheit aufpassen soll. Allein zu Gesicht bekommt man sie nie. Trotzdem schaut Jong-zu immer wieder in der Wohnung vorbei um sie zu füttern. Es ist als ob in Schrödingers Katzenexperiment die Existenz der Katze selbst in Frage gestellt werden würde. Hae-mis Erzählungen aus der vermeintlich gemeinsamen Vergangenheit verwirren Jong-zu im Laufe der Zeit immer mehr.

Es ist eine magische Szene von einer unglaublichen Leichtigkeit. Die drei Protagonisten sitzen vor dem Landhaus von Jong-zu und schauen Richtung Sonnenuntergang über der Grenze nach Nordkorea, wo aus der Ferne Propagandadurchsagen aus den Lautsprecher dröhnen. Die zentrale Szene befindet sich tatsächlich exakt in der Mitte des Filmes, an deren Ende Ben Jong-zu ein Geständnis macht und Hae-mi sich im warmen Sonnenlicht die Kleidung absteift und im Gegenlicht zur Musik von Miles Davis zu tanzen beginnt. Und tags darauf verschwindet.

Hae-mi wollte verschwinden wie die Sonne, als hätte sie nie existiert. In der zweiten Hälfte des Filmes begibt sich Jong-zu nun auf eine Spurensuche, auch in seine eigene Vergangenheit. Er soll Hae-mi einmal das Leben gerettet haben. Kann sich er sich wirklich an nichts erinnern? Was ist wahr, was Fiktion? Schon bei ihrem ersten Treffen spielt ihm Hae-mi eine Pantomime vor. Sie schält eine Mandarine als hielt sie tatsächlich eine in den Händen.

„Es geht nicht darum sich vorzustellen, dass da eine Mandarine ist, sondern darum zu vergessen, dass da keine ist. Das Wichtigste ist, dass du sie wirklich willst.“

Lee Chang-dong hält das Publikum lange hin. Zu lange. Vor allem in der zweiten Hälfte nach dem Verschwinden von Hae-mi. Nicht nur, dass sie als Charakter fehlt, sondern auch hinsichtlich der Laufzeit von zweieinhalb Stunden. Eine Straffung hätte hier der Handlung gut getan. Nichtsdestotrotz ist es erstaunlich, wie lange der Spannungsbogen hält, obwohl immer mehr Fragen aufgeworfen werden, anstatt Licht in die merkwürdigen Umstände zu bringen. Burning ist ein slow burner, der zum mehrmaligen Ansehen anregt. Eine Gesichte über das Mysterium von Fiktion und Realität an sich, erzählt in betörend schönen Bildern. Einmal spricht Hae-mi davon, dass in China zwischen dem kleinen und dem großen Hunger unterschieden wird. Den kleinen Hunger kann man mit Nahrung stillen. Dem großen Hunger kann man mit einem Film wie diesem begegnen.

BURNING | LEE CHANG-DONG | KR 2018 | 148 Min | 4.5 out of 5 stars


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