*** Local Caption *** Jojo Rabbit, Taika Waititi, D/USA 2019, V’19, Features

Das war so nicht zu erwarten. Taika Waititis JoJo Rabbit ist eine Nazi-Persiflage, die nicht nur außerordentlich komisch ist, sondern noch dazu auf inhaltlicher Ebene überzeugt. Ob man über die Nazigräuel lachen darf, wurde schon oft diskutiert. Wer es nicht kann, sollte von dem Film die Finger lassen. Die es können, werden vor Lachen fast vom Kinosessel fallen und gleichzeitig zutiefst berührt sein, von der Geschichte über einen kleinen Nazi-Jungen.

Johannes „JoJo“ Betzler (Roman Griffin Davis) ist ein Hasenfuß, gerade einmal zehn Jahre alt und verliebt in Hakenkreuze. Ein überzeugter Nazi. Die Aufnahme in die Hitlerjugend, ein großer Traum. Seine Mutter Rosie (Scarlett Johansson) verfolgt eine andere Agenda, die aber anfangs im Dunkeln bleibt. Jojo hat zwei beste Freunde. Einer davon ist Adolf Hitler (Taika Waititi), den er sich stets an seine Seite imaginiert. Sam Rockwell als Nazi Hauptmann Klenzendorf, Rebel Wilson als Fräulein Rahm und Tomasin McKenzie (bekannt aus Leave no Trace) als jüdisches Mädchen Elsa komplettieren das wunderbare Ensemble. Jojo tut alles, um ein perfekter Nazi zu sein, seine Tollpatschigkeit versperrt ihm aber den Weg zu einer Nazi-Karriere. Da macht er zu Hause eine unerwartete Entdeckung.

Jojo Rabbit hat als Satire, die sich mit dem Nationalsozialismus beschäftigt, gewichtige Vorbilder von Charlie Chaplins Der große Diktator (1940), Ernst Lubitschs Sein oder Nichtsein (1942) und Mel Brooks Frühling für Hitler (1968) bis zu Roberto Benignis Das Leben ist schön (1998) und Quentin Tarantinos Inglourious Basterds (2009). Vor allem, wenn es der Darstellung der Nazis an notwendigem Ernst fehlte, hagelte es Kritik. So nun auch im Falle von Jojo Rabbit. Geschmacklosigkeiten wurden Mel Books schon 1968 vorgeworfen. Sein Drehbuch für Frühling für Hitler gewann schließlich den Oscar und der Film gilt heute als Klassiker.

Waititi (Thor: Tag der Entscheidung , 2017) wirft mit Stereotypen jener Zeit nur so um sich, dass es eine Freude ist. Wobei halt! Jener Zeit? Unterscheiden sich die herabwürdigenden Darstellungen von Menschen jüdischen Glaubens und andere Widerlichkeiten überhaupt von jenen, wie sie heute mit leidenschaftlicher Wehemenz von so mancher Landesorganisation des Rechten Lagers verbreitet werden? Erschreckend wenig.

Was alleinstehend einfach nur ungustiös ist, verwandelt sich aber im Kontext des Filmes in eine wunderbare Persiflage. So mag eine derartige Satire für manche auf wackeligen Beinen stehen. Sie ist jedoch ein gangbarer Weg um dem Bösen zu begegnen, ohne beim Publikum falsche Schuldgefühle hervorzurufen. Was wiederum ein Kritikpunkt an Steven Spielbergs Schindler’s Liste gewesen ist und in damals nicht einmal ganz unbeabsichtigt war. Hält Jojo Rabbit nun einer kritischen Auseinandersetzung stand?

Durch den enormen Erfolg des Filmes, so findet Waititi, tritt das Risiko, das die Produktion eingegangen ist, in den Hintergrund. Anstatt der Fox-Fanfare zu Beginn hört man „Gib mir deine Hand“ von den Beatles und dazu sehen wir viele Menschen, die ihre rechte Hand Richtung Himmel strecken. So etwas kann leicht in die Hose gehen. Das Nazi-Regime durch die Augen eines Kindes zu betrachten ist Waititi gelungen. Der Film hat Charme, Witz und beweist für eine Satire ungewöhnlichen Tiefgang. Vor allem durch den Charakter der Mutter. Scarlett Johansson ist so etwas wie das liebevolle Herz des Filmes. Nur um ihren Sohn zu beschützen, läßt sie ihn in dem Glauben, Mitglied einer überzeugten Nazi-Familie zu sein. Bis sich das Blatt wendet.

Am Schluss setzt David Bowies Song „Helden“ dem ganzen die Krone auf: „Wir können sie schlagen für alle Zeiten.“ Der Film sagt dem Hass den Kampf an. Humor hat sich immer schon als effektive Waffe erwiesen. Der Psychiater Viktor Frankl, der drei Jahre in Konzentrationslagern verbracht hatte, schrieb: „Der Humor ist eine Waffe der Seele im Kampf um ihre Selbsterhaltung.“ Jojo Rabbit mag vielleicht überambitioniert wirken in dem Versuch Tragik und Komik zu vereinen. Am Ende sitzt man aber im Kinosessel, vollgepackt mit Emotionen, die man erst einmal für sich selbst einordnen muss. Wie oft passiert das schon?

TAIKA WAITITI | JOJO RABBIT | USA 2019 | 108 MIN. | 4.5 out of 5 stars


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