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Was wäre James Bond ohne Dr. No und Blofeld? Bruce Wayne könnte ohne Riddler oder Joker sein Kostüm getrost in der feuchten Höhle hängen lassen. Film und Comichelden definieren sich nicht zuletzt durch ihre Gegenspieler. Wie verhält es sich aber mit den Bösewichten selbst? Braucht der Joker Batman? Regisseur und Drehbuchautor Todd Philips wird darauf keine Antwort geben. Der Sensationserfolg des Jahres handelt nicht von der Figur des Joker, sondern vielmehr davon, wie aus einem vom Leben gebeutelten und psychisch kranken Mann, der Joker wurde.

Die Filmfestspiele von Venedig im August 2019. Joker feiert seine Weltpremiere auf dem renommierten Festival. Der Beifall ist groß. Ein paar Tage später erhält Todd Philips den Goldenen Löwen, die höchste Auszeichnung, die das Festival zu vergeben hat. Für eine Comicverfilmung. Man ist es von Venedig gewöhnt. Entweder es gewinnen Filme, die ein breites Publikum ansprechen und denen weltweit Anerkennung entgegengebracht wird oder es sind Filme, für die sich außerhalb der Festivalwelt niemand interessieren mag. Joker hat eine Woche nach Filmstart mehr als eine halbe Milliarde USD eingespielt und ist schon jetzt der erfolgreichste je am Lido ausgezeichnete Film.

Während ihn die Kritiker nach dem Filmstart teilweise regelrecht in der Luft zerreißen, steht das Publikum Schlange. Zugegeben, der Trailer ist formidabel. Joaquin Phoenix als Arthur Fleck, abgemagert und irre, spielt um sein Leben. Setdesign, Kostüme und Kamera geben ein harmonisches Ganzes ab. Gut, über das Drehbuch ließe sich hie und da diskutieren. Aber Joker wartet gleich mit mehreren Szenen auf, die im allgemeinen Gedächtnis bleiben dürften. Joaquin Phoenix ist es gelungen, wie schon seinen Vorgängern Jack Nicholson und Heath Ledger, den Ruf des Joker als popkulturelle Ikone zu verfestigen, dessen Konterfei abermals T-Shirts, Poster, Kaffeehäferl und in Form von Graffitis Hauswände zieren wird.

Dabei sieht man hier noch gar nicht den eigentlichen Joker, sondern einen Mann, der sich als Clown sein Geld verdient, bei seiner Mutter wohnt, ein bisschen Irre ist, von einer Karriere als Stand-up Comedian träumt und eines ganz sicher nicht ist, nämlich lustig. Als die Stadt die Sozialleistungen kürzt, spitzt sich die Lage zu. Nicht nur für Fleck, sondern für alle Menschen im Moloch Gotham City.

Die Stadt spielte stehts eine große Rolle im Batman-Universum. Allerdings sah man sie immer aus der Sicht von Bruce Wayne. Seine Eltern wurden von einem Kleinkriminellen nach einem Theaterbesuch ermordet und auch sonst trieb sich in den Straßen von Gotham City ausschließlich das organisierte Verbrechen in Form von Gangs herum. In Joker sehen wir nun eine Stadt, die gerade dabei ist außer Kontrolle zu geraten, weil die Infrastruktur zusammenbricht und die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird. Gesehen aus der Sicht eines Mannes, der zu den Verlierern gehört. Das Schicksal meinte es nicht gut mit ihm. Schwierige Kindheit. Jobverlust. Todd Philips wählt eine völlig neue Perspektive um uns die Geschichte über einen der berühmtesten Bösewichte zu erzählen. Jetzt sind eben die Waynes die Antagonisten – und trotzdem: Joker ist eine Comicverfilmung und kein Sozialdrama.


Die Verwandlung des Arthur Fleck kommt in kleinen Dosen. Es ist eine Freude, Phoenix dabei zuzusehen. Es gibt dann am Ende jenen Moment, in dem die Transformation vollzogen ist und Arthur Fleck verschwunden ist. Die knapp zwei Stunden davor garantieren, dass an der Glaubwürdigkeit des radikalen Wandels, den der Charakter durchläuft, kein Zweifel bleibt.

Robert De Niro als Showmaster Murray Franklin bleibt trotz seiner kurzen Auftritte im Gedächtnis. Er bedient sich Außenseitern, wie Fleck einer ist, für seine Show. Lachen auf Kosten von anderen. Die Aversion, die beide Schauspieler für einander gehegt haben sollen, wird spürbar und erzeugt eine interessante Spannung.

Vielleicht nimmt Joker in einer überzeichneten Art und Weise voraus, was uns in fünf bis zehn Jahren tatsächlich blüht, wenn die Wirtschaftskrise wirklich angekommen ist und vielleicht wird der Film dann retrospektiv von manchen anders gesehen. Todd Philips scheint mit seiner völlig neuen Interpretation eines Comicstoffes jedenfalls den Nerv der Zeit getroffen zu haben.

TODD PHILIPS | USA 2019 | 122 Min. | 4 out of 5 stars


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