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Bilder werden dem Grauen nicht gerecht, machen das Unfassbare nicht begreifbar. Der Abgrund, an dem sich Europa vor 80 Jahren befunden hat, wird allein schon durch Akten und Erzählungen von Zeitzeugen deutlich. Regisseur Christian Frosch nimmt originale Gerichtsakten als Grundlage für sein Gerichtsdrama, das eigentlich ein hochaktueller Politthriller ist. Ein Prozess, dessen Ausgang in Österreich kaum registriert wurde, international jedoch sehr wohl Beachtung fand.

Als Franz Murer 1963 nach nur 10 Tagen Hauptverhandlung als freier Mann das Landesgericht in Graz verlässt, wird er gefeiert und mit Blumen überhäuft. Der brave Großbauer in seiner abgewetzten Trachtenjacke kehrt auf seinen Hof zurück, wo er bis zu seinem Tod 1994 leben wird. Zuletzt als Bezirksbauernvertreter der ÖVP. Damit hat er seine Opfer gut 50 Jahre überlebt. Murer, der „Schlächter von Wilna“ genannt wurde, war im dortigen Ghetto für „jüdische Angelegenheiten“ zuständig. Von 80.000 Bewohnern überlebten unter seinem Kommando innerhalb von zwei Jahren nur ein paar Hundert. Den österreichischen Staat und die Bevölkerung interessierte das aber herzlich wenig.

In Russland wurde Murer zwar verurteilt, kam aber im Zuge des Staatsvertrages frei und wurde nach Österreich überstellt, mit der Bedingung, ihm dort den Prozess zu machen. Eilig hatte man es aber damit nicht. Es ist Simon Wiesenthals verbissenem Einsatz zu verdanken, dass es letztlich zu diesem Prozess gekommen ist. Auf der Suche nach Adolf Eichmann war Wiesenthal auf ihn aufmerksam geworden. Murers Rolle in Wilna wurde durch die Nürnberger Prozesse bekannt.

Murer, Name unbekannt

Dass der Name Murer bis zum Erscheinen des Films kaum jemanden mehr ein Begriff war, zeugt vom Umgang Österreichs mit der eigenen Vergangenheit. Der Prozess war einer der größten Justizskandale der Zweiten Republik. Der Skandal fand nicht nur im Gerichtssaal statt, wo die Beweislast erdrückend war und Opfer diffamiert wurden. Auch im Hintergrund kann man von politischen Verstrickungen ausgehen, die letzten Endes zu einem Freispruch führten. Weder ÖVP, noch SPÖ wollten es riskieren, durch eine Verurteilung Wähler zu verlieren. Österreich war zwar frei aber es waren dieselben Menschen wie vor 1945.

Frosch, der auf Murer während eines Besuches des jüdischen Museums in Vilnius aufmerksam wurde, durchforstete die fragmentarischen Gerichtsdokumente akribisch um eine möglichst präzise und zugleich nüchterne Rekonstruktion des Prozesses zu erreichen. Mehrere parallele Handlungsstränge außerhalb des Gerichtssaales vermitteln dem Publikum eine Vielzahl an Perspektiven von Tätern, Opfern, Geschworenen und der Presse.

Täter/Opfer Umkehr

Die Verteidigung machte aus Opfern Täter und aus Tätern Opfer. Unsicherheiten von ehemaligen Häftlingen in belanglosen Details werden gegen sie verwendet. Murer hat gröbere Gedächtnislücken und spricht von aufständischen Juden. Die Atmosphäre ist von einer antisemitistischen Grundstimmung geprägt. Noch dazu sind alle Zeugen, unter ihnen sowohl Täter als auch Opfer, während der Verhandlung unter einem Dach untergebracht. Ein unvorstellbarer Alptraum für die ehemaligen Häftlinge.

Vergessen

„Murer – Anatomie eines Prozesses“ ist eine grandiose Ensembleleistung. Die über 30 Sprechrollen sind exzellent gecastet. Viel Wert legte Frosch auf sprachliche Authentizität. Den lokalen Dialekt scheute er nicht. Die zahlreichen jiddischen Passagen sind untertitelt. Jede auch noch so kleine Rolle trägt einen bedeutenden Teil zum Ganzen bei. Allen voran steht Karl Fischers stoische Darstellung des biederen Murer. Aber auch die Geschworenen seien erwähnt. Bei der Durchmischung der Typen erwies man eine gute Hand.

Gerade weil der Film versucht sachlich zu bleiben und keinerlei Effekthascherei betreibt, entlässt er ein bedrücktes und nachdenkliches Publikum. Als wäre der Sadismus des Naziverbrechers nicht genug, ist die Stimmung im Nachkriegsösterreich nicht weniger erschütternd. „Murer“ ist ein filmisches Dokument, das gegen das Vergessen ankämpft, gerade dann, wenn keine Zeitzeugen mehr berichten können.

55 Jahre später hält des der Produzent und Schauspieler Mathias Forberg bei der Premiere in Wien für notwendig, einen Appell wider des Vergessens zu verlesen. Liederbücher, die eine Fortsetzung der Shoah fordern und eine scheinbare Unterwanderung des Staatsschutzes wirken alarmierend. Leugnen, Verdrängen, vergessen: Willkommen in Österreich.

Christian Frosch | Österreich 2018 | 137 Min. | 4 out of 5 stars

© Foto: Filmladen

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