MARGOT ROBBIE

Hollywood, die Stadt der Träume. Quentin Tarantino verwirklicht sich hier mit Once Upon A Time In … Hollywood seine ganz persönliche Vision um die Schauspielerin und Stilikone Sharon Tate (1943-1969). Wie nimmt man sich aber einer Geschichte an, ohne einem weiteren, jedoch verhassten Protagonisten eine Bühne zu bieten (dem später gleichzeitig eine zweifelhafte Heldenverehrung zu Teil wurde) ? Tarantino hat einen Weg gefunden. Es ist hilfreich, wenn man ein wenig darüber Bescheid weiss, was in der Nacht vom 9. August 1969 Hollywood nachhaltig erschütterte.

Auf der Spahn Movie Ranch (der alte, fast blinde Spahn wird von Bruce Dern verkörpert) versammelte der Sektenführer Charles Manson (1934-2017) Ende der 1960er mehr als 100 junge Frauen und Männer in einer Hippie-Kommune um sich, in dem er sie mittels Drogen und sexueller Abhängigkeit gefügig machte. Manson war von dem Wahn befallen, dass es zu einem großen Kampf zwischen schwarzen und weissen Menschen kommen würde. Die Sekte wird dem rassistischen, rechtsradikalen Spektrum zugeordnet. Es zeigte sich, dass die Mitglieder der „Family“ dazu bereit waren, alles für ihren „Ersatz-Jesus“ zu tun. Am 9. August gab Manson den Befehl, in das Haus von Roman Polański und seiner hochschwangeren Frau Sharon Tate einzudringen und alle Anwesenden zu töten. Die Verbrechen gingen gemeinsam mit den Tags darauf verübten Morden als Tate-LaBianca-Morde in die Geschichte ein und machten Manson zu einem der berühmtesten Verbrecher der Welt. Sharon Tate wurde mit ihrem Kind in den Armen begraben. Soweit, so schrecklich.

Tarantinos Erzählung beginnt sechs Monate davor, an zwei Tagen im Februar 1969 (und wird später an zwei Tagen im August fortgesetzt). Der Westerndarsteller Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) befindet sich in einer Schaffenskrise und lässt sich von seinem Stuntdouble und Buddie Cliff Booth (Brad Pitt) durch die Straßen Hollywood kutschieren. Dabei orientiert sich Tarantino lose an der Beziehung von Burt Reynolds zu seinem Stuntdouble Hal Needham. Erstmals gemeinsam vor der Kamera geben die zwei ein geniales Duo ab. Selbstironisch spielt DiCaprio damit, dass ihm die große Anerkennung als ernstzunehmender Schauspieler – trotz Oscar – nie wirklich zu Teil wurde, bzw. er durch sein intensives Spiel immer wieder Ziel von Persiflagen wurde. Pitt bringt mit seinem strahlenden Lächeln und nackten Oberkörper immer noch ganze Kinosäle in Verzücken. Once Upon A Time In … Hollywood ist auch ein Film über einen Generationenwechsel. Sunnyboy Pitt steuert bereits auf seinen 60er zu. Es ist ein Verdienst der Traumfabrik, dass uns ein natürlicher Alterungsprozess verwundert vermag. Es ist Booth, der sich, als er die Antenne auf Daltons Dach repariert, nicht nur an einen Hahnenkampf zurückerinnert, den er mit Bruce Lee (Mike Moh) geführt hat, sondern auch den einzigen kurzen Auftritt von Charles Manson (Damon Herrimann) beobachtet, als er sich bei den Nachbarn über den Vormieter Terry Melcher erkundigt.

In jenem Februar hat Dalton nämlich neue Nachbarn am Cielo Drive bekommen. Roman Polański (Rafał Zawierucha) und Sharon Tate (Margot Robbie) sind vor der Yellow Press in Europa nach Hollywood geflohen. Polański genießt bereits den Ruf als junger Wilder und verkörpert, auch wenn er nicht Teil des New Hollywood ist, eine neue Generation von Filmemachern. Dalton steckt als TV-Darsteller im alten Hollywood fest und träumt sogleich von einer Zusammenarbeit. Allerdings ziehen sich seine neuen Nachbarn hinter einem großen Eisentor zurück.

Tarantino zeigt das Hollywood jener Jahre in einer detailverliebten Ausstattung und konserviert die Zeit in knalligen Farben. Nicht nur wenn Tate im Kinosaal ihre schönen Beine über die Sitze streckt, frönt Tarantino seinem Fußfetisch. Autos kommen bei ihm gleich an zweiter Stelle. Keine Einstellung ohne Verweis auf die Filmgeschichte: von Zefirelli bis Italo-Western, TV-Serien, Radioausschnitte, Filmplakate und einem obligatorisch rockigen Soundtrack mit viel Witz, wenn auch nicht so unverwechselbar wie sonst. Unterhaltsam ist sein Neunter allemal.

Quentin Tarantino kehrt an seinen Sehnsuchtsort zurück und setzt einen Kontrapunkt zum Summer of Love, der zwei Jahre zuvor prolongiert wurde. Denn auch wenn Tarantino lange in ungewohnter Melancholie schwelgt, am Ende wird es nicht ohne häßliche Bilder gehen.

Die Parallelmontage zu Beginn ist fulminant und die 20-minütige Plansequenz auf der Spahn Ranch mutet wie das Vorspiel zu einem Horrorfilm an. Leider kann Tarantino diese Intensität nicht die knapp 160 Minuten halten und das Ende kommt abrupt. Vor allem, wenn man den historischen Rahmen nicht kennt. Tarantino hat den Hippiehasser Dalton, den man öfters in 16mm schwarzweiß Sequenzen seiner vergangenen Filme sieht, doch noch eine große Rolle im 35mm Cinemascope zu Teil werden lassen. Und das wird erst in der letzten Einstellung klar.

ONCE UPON A TIME IN … HOLLYWOOD | QUENTIN TARANTINO | USA 2019 | 159 Min. | 4 out of 5 stars


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FOTO: ANDREW COOPER/SONY PICTURES

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