Parasite

Im vergangenen Jahr besaßen 26 Menschen genauso viel, wie die ärmere Hälfte der Menschheit. Das sind bekanntlich rund 3,8 Milliarden Menschen. Die Schere zwischen Arm und Reich wird weltweit wieder größer, das berichtet die Hilfsorganisation Oxfam. In den zehn Jahren nach der Finanzkrise hat sich die Zahl der Milliardäre nahezu verdoppelt. Ihre Vermögen wachsen um 2,5 Milliarden US-Dollar. Täglich.

Der südkoreanische Filmemacher Bong Joon-ho (Snowpiercer, The Host, Okja) lässt in seinem neuesten Film Parasite zwei Familien aufeinandertreffen, die genau aus entgegengesetzten sozialen Schichten kommen. Die Familie Kim lebt in einer Wohnung im Souterrain. Der Vater, seine Frau, Tochter und Sohn verdingen sich mit Gelegenheitsjobs wie Pizzakartons falten, was offensichtlich nicht zu ihren Stärken zählt. Das WLAN klaut man bei den Nachbarn. Die Parks wiederum leben in einem Designerhaus. Auch ein vier Personenhaushalt. Der Vater ist hier ein erfolgreicher Geschäftsmann. Die Leere der Räume des großen Hauses setzt sich in den zwischenmenschlichen Beziehungen fort. Von einer Geselligkeit wie bei den Kims ist ihr nichts zu spüren. Die kühlen Beziehungen, vermischt mit dem Setdesign, rufen Erinnerungen an so manchen österreichischen Film hervor.

Das ist die Ausgangslage für Bongs Drama, das sich bald keinem Genre mehr zuschreiben lassen wird. Die einzige Möglichkeit, dass zwei so unterschiedliche Familien aufeinandertreffen, ist ein Arbeitsverhältnis. Der bauernschlaue Sohn Ki-woo der Familie Kim tritt als Nachhilfelehrer der Tochter in das Leben der Parks. Als die auch eine Therapeutin für sie suchen, hat Ki-woo eine Idee. Mehr soll hier über den Inhalt nicht verraten werden. Das wünscht sich der Regisseur so und garantiert eine der spannendsten und aufregendsten Kinoerfahrungen der letzten Jahre.

Parasite ist unheimlich komisch – wenn man in der Originalfassung nicht darauf vergisst, die Untertitel zu lesen. Der Film funktioniert nämlich ohne Sprache über weite Strecken auch sehr gut. Dabei weiß man nie, ist die nächste Szene zum Lachen oder doch eine der schockierenden Wendungen. Damit spielt Bong für mehr als zwei Stunden, bis zur allerletzten Szene.

Die Goldene Palme hat Bong Joon-ho in diesem Jahr schon erhalten. Sozialkritische Stoffe sind gerade sehr gefragt (siehe auch Joker). Für den Auslandsoscar gilt Parasite als Fixstarter und darüber hinaus sind Nominierungen für Beste Regie, Bester Film und Bestes Drehbuch nicht unwahrscheinlich. Filme kurz nach dem Filmstart einzuordnen ist schwer. Allein schon wegen des Drehbuchs, das in Zukunft wohl noch viele FilmstudentInnen beschäftigen wird, kann man hier trotzdem von einem Ausnahmefilm sprechen. Eine schamlose, grausame und sarkastische Tragikomödie voller dramatischer Überraschungen – es ist der beste Film, der in diesem Jahr bis jetzt angelaufen ist und wir haben immerhin schon Oktober.

BONG JOON-HO | KOR 2019 | 132 Min. | 4.5 out of 5 stars


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