Pokèmon: Meisterdetektiv Pikachu

Es ist ein Sonntagnachmittag. Eine Siedlung irgendwo in Transdanubien. Wir läuten. An der Tür händigt man uns einen Säckchen mit gelben Kärtchen aus. Noch wissen wir nicht, was da genau drinnen ist. Um dazuzugehören muss meine Erstklässlerin auf jeden Fall solche Sammelkarten haben. Exotische Namen, Bilder und Zahlen. Das Spiel wurde über 25 Milliarden Mal verkauft. Eigentlich zum Spielen gedacht, werden die Karten meist nur getauscht. Aber hier endet die Geschichte auch schon wieder. Das Interesse ging genau so schnell wie es gekommen war. Die Karten verstauben nun in einer Lade. Bücher, Serien, Plüschtiere: Jeder hat so seine Berührungspunkte und wenn nicht hat man zumindest schon einmal von den Pokémons gehört. Für alle, die glauben, DAS Pokémon ist ein gelbes hasenähnliches Tier, kommt jetzt Pokémon: Meisterdetektiv Pikachu in die Kinos. Bemalte Züge und Flugzeuge gibt es längst, ein Film hat in der zwanzigjährigen Geschichte einer der erfolgreichsten Videospielreihen aber noch gefehlt. Oder nicht?

Verfilmungen, denen Computerspiele zu Grunde liegen, gehören nicht gerade zu den Meilensteinen der Filmgeschichte. Vornehm ausgedrückt. Komplexe Handlungen in eine Spielfilmlänge zu quetschen oder erst eine zu konstruieren, wo gar keine ist und dann auch noch Charaktere zu entwickeln, stellte sich in den meisten Fällen als schwierig heraus. Die Welt der Pokémons ist für Laien auf den ersten Blick komplex und unverständlich. Als Grundlage für den Kinofilm hat man den eher weniger bekannten Ableger Meisterdetektiv Pikachu aus dem Jahr 2016 gewählt. Darin begibt sich Tim Goodman mit Hilfe des sprechenden Pokémon Pikachu auf die Suche nach seinem verschwunden Vater. Als Spieler übernimmt man dabei die Rolle eines Detektivs und muss dabei Rätsel lösen.

Ein Unfall seines Vaters ist nun auch im Film für Tim (Justice Smith) der Grund, sich auf den Weg in die fiktive Stadt Ryme City zu begeben. Es ist eine Welt, in der jeder Mensch ein zu ihm passendes Pokémon als Partner an der Seite hat. Nur Tim hat sich dem bis jetzt verwehrt, bis er in der Stadt den sprechenden Pikachu (Stimme: Ryan Reynolds) trifft und die Geschichte ihren Lauf nimmt.

Das Erscheinungsbild von Ryme City ist eine wahre Pracht. Eine bunt wie düstere und mit Neonreklame durchdrungene Vision einer Megacity. Hier tummeln sich die unterschiedlichsten Pokemon, alle mit Liebe zum Detail animiert. Der Film nimmt an dieser Stelle Anleihen beim Film noir. Eine gelungen Idee, nur leider verlässt er diesen Weg auch bald wieder und eines ist zu diesem Zeitpunkt auch schon klar: Justice Smith trägt den Film nicht. Ken Watanabe als Lieutenant Hide Yoshida wird in kurzen Auftritten verbraten. Einzig die Reporterin Lucy Stevens (Kathryn Newton), die Tim bald zur Seite steht, kann der Geschichte etwas Leben einhauchen. Reynolds beweist wiederum einmal mehr, welche Kraft in seiner Stimme liegt.

Sosehr die visuellen Effekte überzeugen, die Qualität der Geschichte selbst liegt irgendwo zwischen B-Movie und Sonntagvormittag Kinderprogramm, wobei das Fehlen einer charismatischen Hauptfigur sicher das größte Manko ist. Der Film richtet sich an ein jüngeres Publikum. Auch Kinder haben gute Filme verdient. Pokémon: Meisterdetektiv Pikachu ist leider keiner davon. Dass auf Film gedreht wurde, anstelle wie heute sonst üblich digital, um einen realistischeren Look zu erhalten (interessantes Argument), rettet den Film auch nicht. Die Fortsetzung ist bereits in Planung.

POKÈMON: MEISTERDETEKTIV PIKACHU | ROB LETTERMANN | JAP/USA 2019 | OT: POKÈMON: DETECTIVE PIKACHU | 104 MIN. | 2.5 out of 5 stars


Foto © 2019 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. AND LEGENDARY


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