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Meldungen über Flüchtlinge, die auf ihrem Weg nach Europa Schiffbruch erleiden, erreichen uns nahezu jede Woche. Erreichen sie uns nicht, dann nur weil etwas anderes gerade wichtiger erscheint und kein Platz ist für die immer wiederkehrenden gleichen Nachrichten.  Manche mögen es nicht mehr hören können und andere sind jedes Mal aufs Neue erschüttert. Eines ist bei uns allen gleich: Es ist alles bald wieder vergessen. Doch eigentlich geht es uns alle an. Was wäre, wenn sich plötzlich vor unseren eigenen Augen eine Flüchtlingstragödie abspielen würde und wir zum Handeln gezwungen wären? Mit diesem Gedankenexperiment beschäftigt sich der niederösterreichische Regisseur Wolfgang Fischer und zeigt in seinem neuen Film, wo wir als Gesellschaft heute stehen. 

Rike (Susanne Wolff) ist eine deutsche Notärztin und hat alles fest unter Kontrolle. Selbst als sie sich allein auf einer 11 Meter Jacht auf dem Atlantik Richtung Süden und der Insel Ascension begibt, sitzt jeder Handgriff. Bei ruhiger See genießt sie die scheinbar unendliche Freiheit und als sich ein Unwetter ankündigt, bewahrt die Ruhe. Doch nicht für jeden ist das Meer ein einziges Glücksgefühl. Für manche ist es ein tödliches Hindernis.

Als sie auf ein mit Flüchtlingen völlig überladenes Fischerboot trifft, ist auf einmal nichts mehr so wie es gerade noch war. Von einem Moment auf den anderen geht es um existenzielle Fragen. Rike ist klar, dass gehandelt werden muss. Nur ist sie überhaupt in der Lage dazu? Als Notärztin geht ihre eigene Sicherheit vor. Sie nimmt Kontakt mit der Küstenwache auf und dann steht da plötzlich der junge Kingsley (Gedion Odour Wekesa) auf ihrem Boot.

Fischer erzählt dieses tragische Ereignis nüchtern und unaufgeregt und genau das ermöglicht es dem Publikum, sich in diese Lage zu versetzen. Dabei geht es nicht um moralisierende Belehrungsversuche sondern um Fragen, die sich jeder Einzelne stellen muss und um die Verantwortung, die zu tragen ist.

Styx vermittelt das Gefühl, allein auf einem Boot zu sein so authentisch, wie wir das vor einiger Zeit schon bei Robert Redford in All is lost gesehen haben. Wind und Wetter werden spürbar, das Meeres rauscht und die Seile knarzen. Jeder der noch nie auf einem Segelboot war, weiß danach zumindest, wie es sich dort anhört. Aber auch das Gefühl, den Gewalten der Natur ausgesetzt zu sein, wird nachvollziehbar.

Der Filmtitel bezieht sich auf die griechische Mythologie. Styx ist der Fluss der Ober- und Unterwelt von einander trennt oder auch die Lebenden von den Toten. Das mag pathetisch klingen, wird aber im Film nicht extra thematisiert und darüber hinaus ist dieses Bild gar nicht abwegig. Die Flüchtlinge trennen tatsächlich ein paar hundert Meter Wasser vor ihrer Rettung. Die Insel Ascension im Südatlantik, das Ziel der Hauptfigur, ist das erste künstliche erschaffene und sich selbst erhaltene Ökosystem. Erdacht und umgesetzt von Charles Darwin. An Symbolik ist der Film also nicht arm. In der ersten Sequenz zeigt Fischer Berberaffen in Gibraltar. Neben dem Menschen die einzige in Europa freilebende Primatenart. Eingewandert aus Afrika und das schon vor Jahrhunderten.

Styx ist so ein Film der Stunde.

Wolfgang Fischer | D/AT 2018 | 94 Min. | 4 out of 5 stars

© Foto: Filmladen Filmverleih

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