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Der Lauf der Dinge hat Christopher Nolens Tenet zur buchstäblichen Karotte werden lassen, der alle Filmfans seit Wochen hinterherlaufen. Lange Zeit schien der neue Science-Fiction-Film von einem der wichtigsten Regisseure unserer Zeit unerreichbar zu bleiben. Über den Inhalt konnte nur spekuliert werden und der Trailer war konfus und wirkte wenig überzeugend. Es ist dem ständigen Bestreben Nolans zu verdanken, den Kinobesuch selbst zum einzigartigen und unersetzbaren Erlebnis werden zu lassen, dass Tenet dort und da doch noch in den Kinos gestartet ist. Ohne allzu viel Werbung und begleitet von hygienischen Unsicherheiten, die ein Kinobesuch heute mit sich bringt, läuft der erste Blockbuster in diesem Jahr vor beinahe leeren Sitzreihen (Auch wenn aus den USA vermeldet wird, das Einspielergebnis übertreffe die Erwartungen). Vieles diesseits der Leinwand ist heute anders aber auch auf der Leinwand gibt es Neues zu sehen. Hat sich das Warten gelohnt?

Darum geht es

Ja? Bitte werfen sie 2€ in den Automaten und es folgt eine Erklärung der vergangenen einhundertfünfzig Minuten. Im Gegensatz zur Kinokassa würden sich hier wohl Schlangen bilden. Der namenlose Protagonist, gespielt von John David Washington, trägt jedenfalls wenig zur Aufklärung bei. Das bringt auch jedes veröffentlichte Filmstill zum Ausdruck. Ein wo-bin-ich-hier und was-geht-hier-vor ist dem Geheimagenten in jeder Einstellung in die Stirnfalten geschrieben. Er solle Schlimmeres als einen Nuklearkrieg verhindern. Von einer Wissenschaftlerin erfährt er, dass es in der Zukunft möglich sein wird, Objekte invertieren zu lassen, das heißt, dass sie in der Zeit zurückgehen können. Beispielsweise kann so ein Gegenstand, der in der Zukunft fallengelassen wurde, in der Gegenwart den genau umgekehrten Weg gehen. Das klingt etwas unverständlich und das ist es auch.

Es gilt zu verhindern, dass die Fähigkeit, solche Prozesse ablaufen zu lassen, in die falschen Hände gerät. Hier kommt der russische Oligarch Andrei Sator (großartig verkörpert von Kenneth Branagh) ins Spiel. Gemeinsam mit seinem Partner Neil (Robert Pattinson) versucht unser Held über Sators Frau Kat (Elizabeth Debick) an ebendiesen heranzukommen. Er soll der Schlüssel zur Inversion sein, die dem Duo nach und nach zu schaffen machen wird. Sator möchte mangels Lebensglück der Welt ein Ende setzen. Dabei entfaltet sich ein Puzzle, dessen Bestandteile sich immer erst im Nachhinein als solche entpuppen.

John David Washington und Robert Pattinson in Tenet

Kommentar

Bereits in Memento (2000) zeigt Christopher Nolan sein Faible für das Spiel mit der Zeit und achronologischen Handlungsabläufen. Zuletzt sahen wir in Dunkirk (2017) ein und die selbe Sequenz aus drei Perspektiven. In Tenet geht er einen Schritt weiter, in dem er Ereignisse zeitgleich vorwärts und rückwärts ablaufen läßt. Um das zu begreifen, muss man sich schon sehr anstrengen und es stellt sich die Frage, ob Nolan hier nicht über das Ziel hinausgeschossen ist. Zum leichteren Verständnis trägt nicht bei, dass die Audiospur der Dialoge selbst im Dolby Cinema oftmals schwer verständlich ist. Mal kommt sie durch ein Funkgerät und dann wird sie wieder von einem Soundteppich überlagert. Man kann dem Film zugute halten, dass er trotz Überlänge nicht langweilig wird und einige tolle Schauwerte zu bieten hat. Dabei werden neben dem Bild auch gleich die Soundeffekte rückwärts abgespielt. „And the winner is … “ Es drängt sich fast auf.

Diese Inschrift, gefunden in den Ruinen von Pompeji, inspirierte Nolan zu seinem neuen Film.

Jene aber, die sich nicht bloß zurücklehnen möchten, sondern genau wissen möchten, was da gerade vor sich geht, wird Tenet frustiert zurücklassen. Der Protagonist und sein Kompagnon sind Männer ohne Hintergrundgeschichte. Mit der Ausnahme von Branaghs Charakter bleiben die Figuren sehr flach und entsprechend fehlt es ihnen gegenüber an Empathie. Es ist Nolans erster Film, dem ein gewisser Humor nicht abzusprechen ist. Ob die Konstellation Washington/Debick auch in dieser Hinsicht zu betrachten ist, sei dahingestellt.

Mag sein, dass sich so manches erst nach mehrmaligem Ansehen erschließt. Das gilt hier aber nicht als Qualitätsmerkmal. Eines ist Tenet nämlich sicher nicht: ein Meisterwerk wie 2001: Odysee im Weltraum, das Spielraum für Interpretationen lässt und zum Philosophieren anregt oder ein Film wie Inception, mit seiner komplexen Geschichte. Die Protagonisten werden in Tenet von einer Station zur nächsten weitergereicht. Lässt man die Zeitreisen, bzw. Umkehrungen der Zeitlinie, weg, bleibt ein durchschnittlicher Agententhriller mit spektakulären Actionszenen übrig.

Wegen Michael Caine braucht man sich den Film übrigens nicht anzusehen. Sein Leinwandauftritt dauert kaum drei Minuten.

CHRISTOPHER NOLAN | USA 2020 | 150 MIN. | 3 out of 5 stars


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