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Die 57. Viennale ist vorüber. Es war die Zweite unter der Direktorin Eva Sangiorgi. Als einprägsamste Veränderung ist die, schon im Vorjahr vollzogene, Programmzusammenlegung von Dokumentar- und Spielfilmen geblieben. Schriftzug, Programmheft und Logo sind noch immer so, wie man es seit vielen Jahren gewohnt ist. Sogar die Abneigung gegenüber den, für die mediale Berichterstattung nicht unwichtigen, Stargästen ist noch da. Die Festivalzentrale im Museumsquartier liegt immer noch weit abseits von jeglicher Spielstätte. Das Publikum ist der Viennale treu geblieben: 92.100 BesucherInnen kann das Festival in diesem Jahr verbuchen. Somit hält man das Niveau der letzten Jahre.

Dabei ist die persönliche Auswahl der Filme schwierig geworden. Neben der oben erwähnten Vereinigung von Dokumentar- und Spielfilmen, fehlen im Programmheft jegliche Hinweise darüber, auf welchen Festivals die Filme bisher gelaufen sind und ob sie dort Auszeichnungen erhalten haben. Die Viennale ist kein Premierenfestival, sondern gibt einen Überblick über das aktuelle Filmjahr. Das ist gut so. Somit können die Vorstellungen von allen besucht werden. Möchte man sich aber nun jene Filme herauspicken, die andernorts erfolgreich waren, ist eine aufwendige Recherche gefragt. So lief beispielsweise der Gewinner des Locarno Film Festival Vitalina Varela von Pedro Costa einmal im Filmmuseum und dann noch zu Mittag im Gartenbaukino. Kann man übersehen.

Für viele sind somit die Vorstellungen um 18:00 und 20:30 im Gartenbaukino die erste Wahl. Auch in diesem Jahr konnte man so zahlreiche Highlights genießen. Oft heiß ersehnte Filme, die jedoch ohnehin in den nächsten Wochen und Monaten regulär im Kino anlaufen, wie zum Beispiel Booksmart, The Lighthouse oder Jo-Jo Rabbit und ein paar andere mehr. Die meisten übrigens in der ersten Festivalwoche. Überwiegend Produktionen aus den USA. Es sind auch jene, die am ehesten überzeugen konnten. Abseits davon Filme für sich zu entdecken, die einen begeistern, ist bei einer Auswahl von rund 300 Vorstellungen schwierig geworden.

Beilagen von Zeitungen, wie Falter oder Standard, schaffen zumindest einen Überblick. Manche Regisseure, wie Woody Allen oder Olivier Assayas bekommen Screenings zur Primetime, unabhängig von der Qualität der jeweiligen Arbeiten. Aber gerade Woody Allen ist immer noch ein Garant für einen vollen Saal und darauf möchte man nicht verzichten. Selbst wenn er dabei sämtliche Bemühungen, das Festival weiblicher zu machen, mit seinem Frauenbild konterkariert.

Zum Schluss sei noch die größte Überraschung des diesjährigen Festivals erwähnt. Ein Regisseur, der schon seit Jahren mit seinem eigenwilligen visuellen Bildstil und transzendendalen Themen das Publikum immer wieder auf die Probe gestellt hat, ist ins Salzburger Land gekommen, um mit einer österreichisch-deutschen Allstar-Besetzung die letzten Monate des Franz Jagerstätter mit August Diehl in der Hauptrolle zu verfilmen. A Hidden Life von Terence Malick ist nicht weniger als ein Meisterwerk geworden. Nicht nur, dass Schauspieler wie Tobias Moretti oder Karl Markovics zur Höchstform auflaufen, nutzt Malick seinen unverkennbaren Stil diesmal um eine starke Geschichte mit Relevanz zu erzählen und zwar so, dass man sich am Ende denkt: so und nicht anders. Wie die Menschen selbst im entlegensten Bauerndorf die Gunst der Stunde nutzen, um gegeneinander zu hetzen ist und die Familie eines Mannes diffamieren, der den Eid auf Adolf Hitler verweigerte, ist erschreckend. Die Qualen der Ungewissheit, die seine zurückgelassene Frau Franziska (Valerie Pachner) aushalten muss, fängt die Kamera von – erstmals – Jörg Widmer beeindruckend ein. Die Szenen rund um die Hinrichtung des mutigen Franz Jagerstätters sind ganz großes Kino und werden für immer unvergessen bleiben.

Die Viennale bleibt also der Ort, an dem man so manchen Höhepunkt des Filmjahres zu aller erst zu sehen bekommt. Man muss vielleicht länger danach suchen als früher.


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