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Schon lange nicht hat ein Film solch geteilte Meinungen hervorgerufen, wie das Kriegsdrama 1917 von Regisseur Sam Mendes. Von einem Meisterwerk ist die Rede oder aber auch von einer großen Irrung, dass nämlich die Technik alleine in der Lage sei, die ganze Magie des Kinos heraufzubeschwören und Wahrhaftigkeit und das unmittelbare Erleben von Emotionen zu erzeugen vermag. Die Grundidee des Films besteht darin, dass die Kamera zwei Soldaten in Echtzeit zwei Stunden durch Nordfrankreich dabei verfolgt, wie sie eine lebensrettende Botschaft an die Front überbringen. Dabei soll die Illusion entstehen, der Film sei ohne Schnitt gedreht worden.

Lance Corporal Tom Blake (Dean-Charles Chapman) bekommt von General Erinmore (Colin Firth) den Auftrag, sich auf den Weg an die Front zu machen und Colonel Mackenzie (Benedict Cumberbatch) eine Nachricht zu übermitteln. Der für den nächsten Morgen geplante Angriff soll verhindert werden, da die Briten in einen Hinterhalt der Deutschen gelangen würden. Dies könnte bis zu 1600 Mann das Leben kosten. Blake macht sich gemeinsam mit Lance Corporal William Schofield (George MacKay) auf den Weg.

Die beiden Soldaten bewegen sich durch das verwüstete Niemandsland hinter der Front. Es ist eine dystopische Landschaft, die die zerstörende Kraft des Krieges veranschaulicht: verlassene Schlachtfelder und Schützengräben, verwaiste Gehöfte und überall Leichen. Das Szenenbild, dieser produktionsbedingt sehr großen 360° Sets, ist eine der herausragenden Leistungen von 1917. Gedreht wurde ausschließlich bei bedecktem Himmel, um Kontinuität beim Licht zu erhalten. Dadurch erhält der Film einen kühleren Look, der Kälte suggeriert, obwohl eigentlich Sommer ist.

Mendes und sein Kameramann Roger Deakins wenden eine Technik an, wie sie schon bei Alejandro Ganzález Iñárritu in seinem Best Picture Gewinner Birdman zum Einsatz kam. Die Kamera begleitet die Protagonisten scheinbar ununterbrochen. Zu Beginn sind noch Momente, die einen Schnitt ermöglichen auszumachen, aber irgendwann sieht man sie nicht mehr. Schier endlose Kranfahrten (oder ist es doch ein E-Motorrad?) ziehen sich durch den gesamten Film. Die Kamera schwebt, dreht sich im Kreis, steigt in die Höhe und stürzt hinab. Es ist ein regelrechtes Ballett, das Deakins hier veranstaltet und immer wieder findet er trotz der ständigen Bewegung diese schönen Bilder, wenn die Kamera einmal irgendwo verharrt. Das ist Kameratechnik in einer Perfektion, wie man sie nur selten zu sehen bekommt.

Die Handlung selbst erstreckt sie allerdings über gut 10 Stunden. Die Realzeit stand für Mendes, der hier Aufzeichnungen aus dem Familienarchiv verarbeitet, also nicht im Vordergrund. Sein Ziel war vielmehr, durch die scheinbar ununterbrochene Szenerie ein Gefühl der unmittelbaren Nähe zu den Hauptdarstellern zu vermitteln. Mitten drin, statt nur dabei sozusagen. Wenn man darüber nachdenkt, ist das etwas verwirrend. Beim Ansehen ist das aber kein großes Problem und da gibt es zwei Zugänge.

Entweder man lehnt sich zurück und sieht sich den Film an, ohne sich groß Gedanken zu machen. Die tollen Aufnahmen werden aber nicht das intensive Kinoerlebnis ermöglichen, wie zum Beispiel zuletzt bei Christopher Nolans Dunkirk. Ein Spannungsbogen mag sich nämlich nicht entfalten. Einem kinoaffinen Publikum wird eine solche Betrachtungsweise aber ohnehin nur schwer möglich sein. Es stellt sich nämlich über die zwei Stunden immer wieder die selbe Frage: Wie haben die das nur gemacht? Es ist die Form, der sich hier alles unterordnen muss.

Formale Experimente dieser Art gehen bis auf Alfred Hitchcock zurück, der 1948 in seinem Film Cocktail für eine Leiche (OT: Rope) auf (sichtbare) Schnitte verzichtete. Es ist aber erst das Wissen um einen richtigen One-Shot, das der Geschichte eine zusätzliche Spannungsebene beschert. Bei Sebastian Schippers Victoria (2015) ist das der Fall. Nichts führt allerdings daran vorbei, was sich an einem Morgen im Dezember 2002 in der Eremitage in Sankt Petersburg ereignete. Aleksandr Sokurovs Russian Ark vollzog den One-Shot in einer nie dagewesenen Eleganz und Perfektion, eingefangen von Kameramann Tilman Büttner.

Nun also ein Kriegsfilm. 1917 ist ein technisches Meisterwerk. Technik kann manchmal auch langweilen. Der Academy war das trotzdem 10 Oscar-Nominierungen wert. Neben fast allen technischen Kategorien auch die zwei wichtigsten Preise: Regie und Film. 1917 gilt als Favorit. Dass der Film in der Kategorie Schnitt nicht berücksichtigt wurde, ist aber nur konsequent.

SAM MENDES | 1917 | UK/USA 2019 | 110 MIN. | 3.5 out of 5 stars


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