„BIERMANN WAR DA“ V’26 Journal/2

Schön, dass Sie an so einem sonnigen Tag hier sind. Für Brasilien und Serbien ist er noch sonniger.“ Applaus im Publikum, nach diesen Eröffnungsworten von Eva Sangiorgi und man weiß, man ist hier bei der Viennale in guter Gesellschaft.

Was dann kam, sollte überhaupt eines meiner persönlichen Festivalhighlights sein. Nicht nur für dieses Jahr. Es gibt Situationen, wo man eine beeindruckende Persönlichkeit auf der Leinwand sieht und dann hat man das Glück, sie live im Kino zu erleben.

Erstmals wurde der Dokumentarfilm Biermann „im befreundeten Ausland gezeigt“. Regisseur Jens Meurer lässt Biermann darin sein Leben Revue passieren. Es ist ein persönlicher Rückblick auf mehr als ein halbes Jahrhundert Zeitgeschichte, die eng mit der Biografie des Dichters und Liedermachers verbunden ist. Politische Bildung auf der großen Leinwand, über Widerständigkeit, Dichtkunst und das Überdenken eigener Überzeugungen.

Wolf Biermann nach der Premiere von "Biermann" im Gartenbaukino.
Wolf Biermann nach der Premiere im Gartenbaukino.

Anschließend wurde der 90-jährige Biermann mit standing ovations empfangen, wuselte über die Bühne, war kaum zu bremsen und erzählte von einem Zwiegespräch mit Heinrich Heine, das er an dessen Grab führte und eroberte die Herzen des Publikums.

Titel Biermann Regie Jens Meurer Vertrieb Filmladen Filmverleih Kinostart 20. November 2026

Biermann, Jens Meurer, Deutschland 2026, V’26 Features Wolf Biermann im Studio der Toten Hosen bei den Aufnahmen zu seinem Lied „Ermutigung“, das er gemeinsam mit der Band für deren Album „Trink aus, wir müssen gehen!“ aufgenommen hat. 

Es gibt Filmregisseure, die haben seit jeher einen fixen Startplatz bei den Wettbewerben der großen Filmfestivals: Jim Jarmusch, Michael Haneke, Nuri Bilge Ceylan, Ken Loach, um nur einige zu nennen. Dazu gehört auch Asghar Fahadi und ich frage mich, warum selbst ein Film bei den Festivals durchgereicht wird, wenn er mal nicht so gelungen ist. Das ist bei Histoires Parallèles der Fall. In endlosen 2 Stunden und 20 Minuten baut sich hier eine Geschichte inklusive Metaebene um eine Schriftstellerin auf, gespielt von Isabelle Huppert, die durchaus auch witzig ist und zwischen Voyeurismus und Suspense mäandert, indem sie Anleihen an Hitchcocks Rear Window nimmt. Die schauspielerischen Leistungen halten den Film und uns über Wasser. Viel erzählerischer Aufwand, mit wenig Output. Trotzdem schön, dass Isabelle Huppert wieder hier war.

Titel Histoires Parallèles Regie Asghar Fahadi Vertrieb Filmladen Filmverleih Kinostart 3. Dezember 2026

Histoires parallèles, Parallel Tales, Asghar Farhadi, Frankreich/Belgien/Italien 2026, V’26 Features

Viele Filme beschäftigen sich mit dem Thema Verlust und Trauer, wenn das Unfassbare geschieht und das eigene Kind aus dem Leben gerissen wird. Spannend sind die unterschiedlichsten Herangehensweisen. In Sandra Wollners Film Everytime verliert Ella, gespielt von Birgit Minichmayr, ihre älteste Tochter. Aufgrund von Zeitsprüngen brauchen wir etwas, bis wir uns orientieren können. Gleichzeitig intensiviert diese Erzählweise das Gefühl, wie es ist, wenn jemand plötzlich nicht mehr da ist. Was dann passiert, geht auf Erfahrungsberichte Betroffener zurück: Nichts ist mehr so wie es war. Nichts ergibt mehr Sinn. Das Alltägliche wird zur Provokation, die einem das Lebens aufbürdet.

Beim Film mag es Möglichkeiten geben, Leid möglichst eindringlich und drastisch darzustellen. Wollner bedient sich dieser Mittel nicht. Es kann ohnehin immer nur eine Annäherung an den Schmerz sein. Einziger Wermutstropfen: nicht wenige im Publikum haben sich nach dem Abspann eine Erklärung erwartet. Etwas mehr Klarheit über die Bedeutung der letzten Sequenzen hätte dem Film nicht geschadet.

Everytime – für die Regisseurin Ausdruck der gefühlten Zeitlosigkeit – wurde in Cannes in der Reihe Un Certain Regard ausgezeichnet und geht für Deutschland als Kandidat für den besten Internationalen Film bei den Oscars 2027 ins Rennen.

Titel Everytime Regie Sandra Wollner Vertrieb Stadtkino Filmverleih Kinostart 27. November 2026

Everytime, Sandra Wollner, Österreich/Deutschland 2026, V’26 Features

Neun Jahre nach Valeska Grisebachs letztem Film Western, begibt sich die Regisseurin wieder an die bulgarische EU-Außengrenze. Das geträumte Abenteuer richtet neuerlich den Blick auf einen für viele von uns blinden Fleck unserer europäischen Nachbarschaft.

Die Archäologin Veska (Yana Radewa) arbeitet in der bulgarisch-griechisch-türkischen Grenzregion an einer Ausgrabungsstätte. Sie ist hier aufgewachsen, doch die Region hat sich stark verändert. In den 1990er Jahren haben sich Banden breit gemacht, die als Schmuggler reich geworden sind. Ob es sich dabei um Benzin oder Menschen handelt, ist letztlich egal. Als Saïd (neuerlich der formidable Laiendarsteller Syuleyman Alilov Letifov), einer ihrer Helfer, der selbst in illegale Geschäfte verwickelt ist, verschwindet, übernimmt Veska seine unerledigten Geschäfte und gerät in den direkten Konflikt mit einem Gangsterboss.

Das geträumte Abenteuer gibt einen Einblick in eine uns unbekannte Welt am Rande Europas, in der Maskulinität und Kriminalität den Alltag bestimmen. Der Film gewann den Preis der Jury bei den Filmfestspielen in Cannes und ist der bulgarische Beitrag für den Besten Internationalen Film bei den Oscars 2027.

Titel Das geträumte Abenteuer Regie Valeska Grisebach Vertrieb Filmgarten Filmverleih Kinostart 24. April 2027

Das geträumte Abenteuer, The Dreamed Adventure, Valeska Grisebach, Bulgarien/Deutschland/Frankreich/Österreich 2026, V’26 Features

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