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Lovin’ you is easy ’cause you’re beautiful“ – keine Angst, das ist nicht zu hören aber die zwei Burschen, die hier eines schwülen Sommers Anfang der Achtzigerjahre in der norditalienischen Provinz aufeinandertreffen, sind zum dahinschmelzen.

Der 17-jährige Elio (Timothèe Chalamet) verbringt die Ferien mit den Eltern in deren Landhaus. Der Vater (Michael Stuhlbarg) ist Archäologe und die Mutter (Amira Casar) Übersetzerin. In der Vorzeigefamilie wird Englisch, Französisch und Italienisch gesprochen und Elio hat nicht viel mehr zu tun als Bücher zu lesen und sich auf Liebschaften mit italienischen Mädchen einzulassen. Als eines Tages ein amerikanischer Student bei ihnen einzieht, um den Vater bei der Arbeit zu unterstützen, wird Elios Welt auf den Kopf gestellt.

Anfangs ist Elio von Oliver (Armie Hammer) genervt. Er muss ihm sein Zimmer überlassend und findet ihn einfach nur überheblich. Doch bald kommen sich die beiden näher und beginnen ein heimliches Liebesabenteuer. Es ist für Elio der Sommer der ersten großen Liebe.

Das Drehbuch von Regisseur Luca Guadagnino und James Ivory lässt sich viel Zeit für diese zuerst zaghafte und dann umso leidenschaftlichere und herzzereißende Liebe. Die Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit mit der Homosexualität heute im Kino gezeigt werden kann und inmitten von Kriegsfilmen und anderen Dramen ihren Platz gefunden hat, ist eine große gesellschaftliche Errungenschaft. „Call me by your Name“ ist eine Liebeserklärung an die Jugend und das Leben, in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Lediglich Automodelle oder hin und wieder modische Eskapaden verweisen auf die frühen Achtziger.

Nicht die Handlung an sich, sondern Atmosphäre, Lebensgefühl und zwischenmenschliche Beziehungen aus einer humanistischen Betrachtungsweise heraus sind die zentralen Themen. Die träge machende Hitze ist aber zeitweise auch im Kinosaal zu spüren. Bei einer Laufzeit von über zwei Stunden mäandert die Handlung vor sich hin.

Das Herzstück dieser coming-of-age Geschichte, oder besser gleich zwei, hat man sich aber für den Schluss aufgehoben. Wenn der Vater Elio gesteht, von seiner Liebschaft gewusst zu haben und ihm einen Vortrag über das Leben hält, zeugt das von einer von Respekt geprägten Beziehung, die das Publikum tief berührt. In der letzten Einstellung, während der Abspann bereits läuft, blickt Elio nachdenklich minutenlang in die Kamera bis ihm die Tränen über das Gesicht fließen. Der gesamte Schmerz einer Liebe in einem Moment.

Einzig etwas verwunderlich ist der Umstand, dass HIV kein Thema ist und dass gerade in einer so aufgeklärten und weltoffenen Familie. Die Zahl der Neuinfektionen stand gegen Mitte der Achtzigerjahre kurz vor ihrem Höhepunkt. Therapien wie heute lagen noch in weiter Ferne. Ob ein Film, der das vollständig ausklammert, vor zehn oder zwanzig Jahren möglich gewesen wäre?

Bei den Oscars hat „Call me by your name“ als europäischster Film seit langem seinen Platz unter den Nominierten für den Besten Film gefunden. Timothèe Chalamet ist jetzt schon zumindest der Sieger der Herzen und für einen Drehbuch Oscar stehen die Chancen sogar ganz gut.

An der Fortsetzung wird gerade gearbeitet und geht es nach Guadagnino, könnte Elio in die Fußstapfen von Francois Truffauts Alterego Antoine Doinel treten. Wie die literarische Vorlage von André Aciman soll die Fortsetzung etwa 15 Jahre nach der ersten Begegnung spielen.

Luca Guadagnino | IT/FR/USA/BRA 2017 | 133 Min. | 3.5 out of 5 stars

© Foto: Sony Pictures Filmverleih

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