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Mit historischen Kostümfilmen kann man mich jagen. Michael Kohlhaas (dir. Arnaud des Vallières, 2013) oder Barry Lyndon (dir. Stanley Kubrick, 1975) gehören zu den Ausnahmen. Der aktuelle Film der Regisseurin Celine Sciamma gehört auch dazu. Das Melodram mit dem sperrigen Titel Porträt einer jungen Frau in Flammen verhandelt nichts weniger, als die Rolle von Frauen in der Gesellschaft, im ausgehenden 18. Jahrhundert, in dem der Film angesiedelt ist, genauso, wie in der heutigen Zeit. Sciamma schrieb auch das Drehbuch und wurde dafür in diesem Jahr in Cannes ausgezeichnet. Der Film galt neben dem späteren Gewinner Parasite als Favorit im Rennen um die Goldene Palme.

Marianne (Noémie Merlant) erinnert sich zurück. Als Malerin in Paris steht sie im Schatten ihres Vaters. Ihre Arbeit wird geduldet. Anerkennung oder Respekt wird ihr keiner zu Teil. Damit war sie nicht alleine. Heute reicht ein Blick in ein beliebiges kunsthistorisches Museum. Bilder, gemalt von Frauen, sind dort nur schwer auszumachen. Nun sitzt Marianne Model für ihre Schülerinnen. Dabei fällt ihr Blick auf eines ihrer eigenen Gemälde, dass eine Schülerin aus dem Depot geholt hat. Es zeigt eine Frau in der Nacht, deren Kleid Feuer gefangen hat. In den folgenden zwei Stunden erfahren wir, warum sie der Blick auf dieses Gemälde so emotional aufwühlt. Was es bedeutet, als Frau nicht den gesellschaftlichen Konventionen entsprechen zu wollen und wieviel Wahrheit in Liebe stecken kann.

Die Frau auf dem Bild ist Héloïse (Adèle Haenel). Im Jahr 1770 wird Marianne auf eine abgelegene Insel in der Bretagne beordert, um ein Porträt herzustellen. Die Herzogin (Valeria Golino) möchte ihre Tochter Héloïse verheiraten und das Porträt soll die Abmachung besiegeln. Héloïse rebelliert jedoch gegen die Heirat und weigert sich Model zu sitzen. Gerade war ein Maler an ihr gescheitert. Marianne soll sie nun die Tage mit ihr verbringen, ihr Gesicht studieren und das Porträt heimlich anfertigen. Die beiden Freunden sich an. Für Marianne wird es immer schwerer, den Auftrag heimlich hinter dem Rücken von Héloïse auszuführen. Das Komplott fliegt auf und die Enttäuschung ist groß. Doch schon von Beginn an zeigt sich in den gegenseitigen Blicken, dass es ein Verlangen nach mehr gibt als bloßer Konversation.

Sciammas Drama spiegelt sich überwiegend in den Blicken der zwei Frauen wieder. Blickt Marianne in die Augen von Héloïse, ist es, als sehe sie das Publikum an. Es sind verlegene, dann durchdringende Blicke, die eine zaghafte Erwiderung finden. Das Verlangen auszubrechen ist groß. Ständig begleitet vom knisternden Kaminfeuer und dem rascheln des Stoffes ihrer ausladenden Kleider, die wie eine unüberwindbare Barriere wirken. Musik gibt es in Porträt keine. Als die Herzogin für ein paar Tage die Insel verläßt, bleiben die Beiden mit der Magd Sophie (Luna Bajrami) zurück. Auch über ihr schwebt eine große Last.

Die drei Frauen schließen einen unausgesprochen Pakt. Sie wollen ihr Leben selbst bestimmen. Wenn es auch nur für ein paar Tage ist. Regisseurin Sciamma bringt dem Publikum dabei ins Bewusstsein, wie stark alles, was wir zu sehen bekommen, durch den Blick von Männern geprägt ist. Das zeigt sich auch in der Ästhetik des Films. In malerischen Bildern und in einem auf das Notwendigste reduzierte Interieur spielen die Darstellerinnen (es spielen, bis auf einen Knecht, nur Frauen) vor der Kamera und die Kamera umgarnt sie nicht, wie das sonst so oft üblich ist. Dabei wahrt sie im richtigen Moment Distanz und kommt ihnen näher – manchmal näher als nur irgendwie möglich – wenn es angebracht ist. Dann hört man jeden Atemzug und glaubt die Herzen klopfen zu spüren.

Der Film könnte in jeder Zeit spielen. Die zeitliche Verortung scheint in erster Linie ästhetischen Kriterien zu folgen. Es gibt neben den gesellschaftlichen Normen und den Kleidern kaum Anhaltspunkte, die auf eine bestimmte Epoche hinweisen. So gelingt es Sciamma, eine gewisse Allgemeingültigkeit zu erreichen. Vielleicht ist Porträt bei all der Formalität und durchkomponierten Ästhetik etwas zu konventionell geraten und man hätte sich doch einen leidenschaftlichen Ausbruch gewünscht. Unter der Oberfläche brodelt es aber gewaltig. Mehr subtile Leidenschaft hat man im Kino selten gesehen.

Porträt einer jungen Frau in Flammen (OT: Porträt de la jeune fille en feu) | Drehbuch & Regie Céline Sciamma | FR 2019 | 120 Min. | 4.5 out of 5 stars


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