„DIE ODYSEE“ Filmkritik: Ein Stück männliches Überwältigungskino

★★★★

Mit Matt Damon, Anne Hathaway, Tom Holland, Zendaya, Elliot Page, Robert Pattinson, Charlize Theron, Lupita Nyong’o, Samantha Morton, Bennie Safdie Regie Christopher Nolan Ab 12 Länge 172 Min

Jeder hat schon von ihr gehört. Immerhin hat die Odyssee von Homer in den sprichwörtlichen Sprachgebrauch Eingang gefunden. Im Detail kennen werden das mehr als 2500 Jahre alte Epos die wenigsten. Nun hat sich mit Christopher Nolan einer der großen Handwerker des gegenwärtigen Kinos dem Leidensweg von Odysseus und seinen Männern angenommen. Es ist ein Spektakel geworden, dass wie ein ohrenbetäubender Orkan über die Leinwand zieht. Warum diese Geschichte bis heute eine größere Bedeutung hat, als man vermuten mag und ob sich ein Kinobesuch lohnt, könnt ihr hier nachlesen.

Matt Damon als Odysseus in „Die Odyssee“ von Christopher Nolan.

Eine (Anti-)Heldenreise

Geplant war eine kurze Rückschau aber es gibt dann doch einiges zu sagen. Keine Angst, 24 Gesänge, so wie in Homers Vorlage, werden es nicht.

Stürme, eine ohrenbetäubende Gischt, knarrende und zerberstende Holzplanken, klirrendes Metall und um ihr Überleben schreiende Krieger: Die Odyssee ist zuerst einmal eines, nämlich sehr laut. Es hat den Anschein, als lotet Nolan die Grenzen des Unterhaltungskinos aus. Diese Wucht über fast 170 Minuten aushalten zu können, erfordert einiges an Durchhaltevermögen (obwohl der Film erstaunlich kurzweilig ist). Hinzu kommt ein großes Maß an Brutalität, nicht nur in den Kampfszenen, sondern gerade auch in den Begegnungen mit mythologischen Wesen. Das kennt man weder aus Nolans Filmen, noch generell von Blockbustern.

Matt Damon führt mit Anne Hathaway und Tom Holland ein hochkarätiges Ensemble an. Die Liste der Top-Stars ist scheinbar endlos. Ob die Rollen ideal besetzt sind, darüber gibt es geteilte Meinungen. Erwähnen muss man die gelungene Besetzung der weiblichen Gottheiten durch Samantha Morton, Zendaya und Charlize Theron. Allerdings gibt man ihnen nicht viel zu tun. Lediglich die von Morton dargestellte Zauberin Kirke hat einen starken Auftritt, der jedoch nach wenigen Minuten zu Nichte gemacht wird (was freilich auch der Straffung des Stoffes geschuldet ist). Robert Pattinson als bedeutendster Freier von Odysseus‘ Ehefrau Penelope sticht ebenso hervor wie John Leguizamo (wer hat ihn erkannt?) als Odysseus‘ blinder und loyaler Schweinehirte.

Schauspielführung scheint nicht die größte Stärke von Christopher Nolan zu sein. Das teilt er mit anderen kompromisslosen Visionären wie George Lucas.

In dieser Version ist Odysseus ein von Zweifeln geplagter Antiheld. Eine derartig umfangreiche Vorlage eröffnet durch (notwendige) Auslassungen einen Spielraum für Interpretationen. Der Preis für den Sieg in Troja war hoch und wirkt bis heute nach. Odysseus hat selbst nach seiner 10-jährigen Irrfahrt die Kriegstraumata nicht überwunden.

Wie? Wirkt bis heute nach? Das Gesetz des Zeus spielt in der griechischen Mythologie eine große Rolle. Gastgeber waren dazu verpflichtet, Schutzsuchende, Fremde und Gäste im allgemeinen bedingungslos in Empfang zu nehmen. Nicht nur, weil sich hinter jedem oder jeder Unbekannten eine Gottheit verbergen kann. Nun erobert Odysseus Troja durch seine List mit dem Trojanischer Pferd (Die Szene mit und im Trojanischen Pferd gehört zu den zahlreichen starken Sequenzen des Films). Hinter dem Fremden und Unbekannten verbirgt sich der Feind. Die Folgen sind besonders blutig. Das Gesetz ist gebrochen. Unter ihnen leidet Odysseus und zieht nicht zuletzt den Zorn der Götter auf sich. Wie ein moderner Superheld überlebt er, verliert jedoch seine gesamte Mannschaft.

Wenn man so möchte, ist das Misstrauen gegen das Fremde geblieben. Und noch etwas: Die Odyssee als Heldenreise findet sich mit all ihren Stationen und Archetypen bis heute in nahezu jedem Drehbuch wieder (sehr empfehlenswert und hier nachzulesen: „Die Odyssee des Drehbuchschreibers“ von Christopher Vogler. Aha-Erlebnisse garantiert).

Die Odyssee ist exzellentes Filmhandwerk. Christopher Nolan verzichtete weitgehend auf digitale Effekte. Das unterscheidet den Film von vielen anderen aktuellen Produktionen und macht das Kinoerlebnis authentischer und intensiver. Auch wenn die Bildgewalt auf den Galeeren (brillante Kamera: Hoyte van Hoytema) durch das übertriebene Sounddesign etwas gestört wird. Da verkommt die Geräuschkulisse schnell zu breiigem Lärm. Dafür bleibt die Filmmusik von Ludwig Göransson im Gedächtnis.

Dieser Tage beschäftigen sich wohl mehr Kinobesucher*innen mit technischen Details des Filmemachens als sonst üblich. Das ist Nolan zu verdanken, der den ersten komplett mit IMAX Kameras gedrehten Spielfilm produziert hat. Technische Umbauten haben es möglich gemacht, dass sehr laute Kameraungetüm auch für Dialogszenen einsetzen zu können. Purist*innen leiden, da dieses Format in seiner ganzen Dimension in Europa in sage und schreibe nur 5 Kinos abgespielt werden kann (Das war der technische Einschub. Wer mehr wissen möchte, kann es hier nachlesen).

Das Trojanische Pferd ragt aus dem Sand wie die Freiheitsstatue in Planet der Affen. Noland inszeniert die Odyssee als Zeitenwende. Es ist ein Kinoereignis, auf das man sich einlassen muss. Hinsetzen und überwältigen lassen. Am Besten im größten und bestausgestattetesten Kinosaal. Sich davor einzulesen schadet nicht. Es ist nicht leicht den Überblick zu behalten.

Ob Frauen eine deart gewalttätige und männliche Machtdemonstration toll finden, mit dieser Frage hat sich Catherine Shoard in Chastity, nodding and enormous pores: will women also love Nolan’s Odyssey? für den Guardian auseinandergesetzt. Nur soviel: eher nicht.

Homers Odyssee mag die Mutter aller Geschichten sein und Nolans Film der Höhepunkt der diesjährigen Kinosaison. Die Mutter aller Filme ist es nicht geworden. Die ist bekanntlich Hot Shots. Auf einen Oscar-Regen können sich alle Beteiligten aber trotzdem einstellen.

DIE ODYSEE (UK 2026, OT: THE ODYSSEY),
Ab 12 Länge 172 Min.
Regie Christopher Nolan Drehbuch Christopher Nolan Kamera Hoyte van Hoytema Schnitt Jennifer Dame
Musik Ludwig Göransson Mit Matt Damon, Anne Hathaway, Tom Holland, Zendaya, Elliot Page, Robert Pattinson, Charlize Theron, Lupita Nyong’o, Bennie Safdie, Samantha Morton


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