
Johann Lurf lehnt im Gartenbaukino vorne an der Bühnenkante und strahlt über das ganze Gesicht hinein in den gut besuchten Kinosaal. Es war an diesem Abend die zweite Vorstellung von seinem neuen Film Forever…Forever, mit dem die diesjährige Viennale eröffnet wurde.
Das Publikum ist ebenso beglückt nach seinem 21 minütigen Filmexperiment, bei dem der Stausee Ottenstein über einen Zeitraum von 22 Monaten in ein und derselben Einstellung zu sehen ist. Im Gespräch mit dem Regisseur erfahren wir, wie komplex die jahrelangen Vorbereitungen und die Umsetzung mit der selbst konstruieren Kamera waren. Das Produktionsteam hat dann nochmals ein Jahr drangehängt, um den Sound für das Gartenbaukino (erstmals 7.1) zu optimieren.
Die künstlerische Leiterin der Viennale, Eva Sangiorgi, setzt damit ein sichtbares Zeichen für den österreichischen Film, der in diesem Jahr besonders stark im Festivalprogramm vertreten ist.
Titel Forever…Forever Regie Johann Lurf Vertrieb sixpackfilm
Gedreht auf 65mm, projiziert in 70mm oder 35mm

Starpower am zweiten Festivaltag. In James Grays Paper Tiger gerät ein ungleiches Brüderpaar, gespielt von Adam Driver und Miles Teller, in einen Konflikt mit der Russenmafia im New York des Jahres 1986. Scarlett Johansson hält als Ehefrau zu Hause die Familie zusammen und steht dabei auf mehreren Fronten unter großem psychischen Druck.
In herbstlich warmen Tönen gehalten, pendelt das period piece zwischen Thriller und Familiendrama. Paper Tiger kann zwar die Spannung halten, ist aber überraschend harte Kost, lässt kaum einen Funken Hoffnung und steckt immer wieder in Stereotypen fest. Grays Armageddon Time (V’22, Streaming, DVD) hat mehr überzeugt. Und ja: Miles Teller ist der Junge aus Wiplash!
Titel Paper Tiger Regie James Gray Vertrieb Filmladen Filmverleih

Beim ORF Filmfrühstück wurde in diesem Jahr Mila/Marija von Andrina Mračnikar gezeigt. Darin schildert die Regisseurin die Geschichte von Mila und ihrem Bruder Franzi, die sich 1942 dem Partisanenkampf der Kärnter Slowenen anschließen. Fortan leben sie versteckt im Wald, sind Wind und Wetter ausgesetzt und ständig auf der Hut, um nicht von den Nazis entdeckt zu werden und verüben dabei kleine durchaus effektive Operationen. Der Film beschönigt nichts. Helden gibt es hier keine.

Mračnikar erzählt die Geschichte weiter: nach dem Ende des 2. Weltkrieges werden die Kämpfer*innen zu Verräter*innen. Eine Geschichte, die bis heute nachhallt. Mila/Marija ist eine längst überfällige filmische Aufarbeitung dieses Abschnittes österreichischer Geschichte, die so vor 20 Jahren aufgrund der anhaltenden Repressionen der Minderheit nicht möglich gewesen wäre (und möglicherweise in naher Zukunft auch nicht mehr sein wird). Mračnikar spricht hier tatsächlich von einem Zeitfenster.
Die Partisanen in dieser Region waren die größte Widerstandsgruppe während des Nationalsozialismus im gesamten Deutschen Reich und ein wichtiger Faktor bei den Verhandlungen für den Staatsvertrag 1955. Südkärnten ist mehrsprachig. Deutsch und Slowenisch sind durch den Staatsvertrag verfassungsrechtlich geschützt. In Mila/Marija hat die Zweisprachigkeit eine große Bedeutung, um deren Anerkennung die Minderheit bis heute kämpft.
Der Film ist mit der Unterstützung des ORF Film/Fernsehabkommens entstanden.
Titel Mila/Marija Regie Andrina Mračnikar Verleih Polyfilm Kinostart 15. Jänner 2027

Während in Mila/Marija und Gentle Monster der Mehrsprachigkeit nicht nur eine besondere Rolle zukommt, sondern sie auch gekonnt in die Geschichte eingewoben ist, kommt sie in Die Blutgräfin mit dem Holzhammer daher.
Die Protagonistin Gräfin Báthory basiert auf der Legende um eine im 16. Jahrhundert verurteilte Mörderin. Verkörpert wird sie von Isabelle Huppert, die zwischen Deutsch und Französisch wechselt. Dadurch entsteht ein Sprachengewirr, das eigentlich keinen Sinn macht.
Regisseurin Ulrike Ottinger erzählt die Geschichte als groteske Vampirkomödie. Die Blutgräfin taucht im heutigen Wien auf und trifft auf allerhand exzentrische Charaktere in ausgefallenen Kostümen. Der Cast kann sich: Birgit Minichmayr, Thomas Schubert, Lars Eidinger, Maresi Riegner, Karl Markovics und Conchita Wurst, die bei der Premiere Szenenapplaus erhält. Sie performt in einer Gruft am Heldenberg Rise Like A Phoenix, flankiert von Radetzky und einen Sondereinsatzkommando.
Die Blutgräfin ist eine Schnitzeljagd, der es für einen Vampirfilm aber an Biss und Sexappeal fehlt. Wiener Schmäh, opulente Kostüme und das nächtliche Wien als Kulisse reichen leider nicht aus.
Titel: Die Blutgräfin Regie Ulrike Ottinger Verleih Filmladen Filmverleih Kinostart 29.10.2026


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