Drei Geschichten, die sich über ein Jahrhundert erstrecken und verbunden sind durch einen Ginkgobaum im botanischen Garten der Universität Marburg. Pflanzen, die uns beobachten und mit uns kommunizieren. Es ist gar nicht so einfach SILENT FRIEND, die neue Arbeit der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi, mit Worten gerecht zu werden. Dieser vielfach ausgezeichnete Film ist jedenfalls eine Seherfahrung, die man so schnell nicht wieder vergisst.
★★★★★
Mit Tony Leung Chiu-wai, Luna Wedler, Marlene Burow, Enzo Brumm, Sylvester Groth, Martin Wuttke Regie Ildikó Enyedi Ab 10 Länge 145 Min.

Kurzkritik
Kurz nachdem der Neurowissenschaftler Tony (Tony Leung Chiu-wai) aus Hongkong im Jahr 2020 in Marburg eine Gastprofessur antritt, bricht die Pandemie aus. Gemeinsam mit einem misstrauischen Hausmeister lebt er folglich isoliert im Gästehaus des Unicampus. Anstelle der Erforschung der Gehirne von Babies beginnt er aus Langeweile ein Experiment mit einem alten Gingko-Baum im botanischen Garten der Universität. Im Jahr 1972 übernimmt der Student Hannes (Enzo Brumm) eine Geranie zur Pflege und macht durch ein Experiment eine ungewöhnliche Erfahrung. Im Jahr 1908 trotz Grete (Luna Wedler) einer misogynen Jury und wird die erste Biologiestudentin der Universität. Sie entdeckt die Leidenschaft für die Fotografie und in der Ablichtung von Pflanzen eröffnet sich ihr eine neue Welt.
Werden wir von Pflanzen beobachtet? Wenn man Ildikó Enyedis Geschichte folgt, bekommt man fast den Eindruck, sie kommunizieren mit uns. Das ist nicht nur der Bildsprache geschuldet, die Blumen, Sträucher und Bäume mehrmals in den Vordergrund rückt. Alle drei Portagonist*innen entdecken auf die ein oder andere Art die Geheimnisse der Pflanzenwelt.
Enyedi verbindet nach eigenen Angaben die Schönheit der Kunst mit der Schönheit der Wissenschaft und ermöglicht uns eine außergewöhnliche Seherfahrung, die wir so schnell nicht mehr vergessen werden. SILENT FRIEND ist ein bemerkenswerter Film, in der Art, wie es ihn wohl noch nicht gegeben hat. Einziger Wermutstropfen: Eigentlich hätte man jede der drei Geschichten gerne in voller Spielfilmlänge gesehen.
Stilistisch ist jede der drei Geschichten auch technisch der jeweiligen Zeit angepasst. 1908 in schwarzweiß auf 35-mm gedreht, 1972 in prächtigen Farben auf 16-mm und 2020 digital, kühl und mit sattem Schwarzwert.
Der Film schließt mit einem wahren Fundstück: Blixa Bargelds musikalischer Interpretation von Johann Wolfgang von Goethes „Ein Gleiches“ („Über allen Gipfeln ist ruh“). Im Nachspann listet Enyedi selbst die mitwirkende Pflanzenarten namentlich auf. Hat es sowas schon einmal gegeben? Man verlässt den Kinosaal ob der meditativen Wirkung der vorangegangenen zweieinhalb Stunden entspannt und zufrieden.
SILENT FRIEND (D/F/HUN 2025)
Ab 10 Länge 145 Min.
Regie/Drehbuch Ildikó Enyedi Kamera Gergely Pálos Schnitt Károly Szalai
Musik Gábor Keresztes, Kristóf Kelemen Mit Tony Leung Chiu-wai, Luna Wedler, Marlene Burow, Enzo Brumm, Sylvester Groth, Martin Wuttke

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