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Ein Ausstellungsraum mit einer Anordnung von Sandhäufchen. Ab und zu streckt ein Besucher den Kopf in den Raum und wendet sich mit Verwunderung wieder ab. In der stillen und andächtigen Atmosphäre wacht eine Museumsaufsicht darüber, dass ja niemand mit dem Smartphone ein Foto macht. In der Nacht fährt eine Reinigungskraft mit der Putzmaschine langsam zwischen den Häufchen hindurch. Wenn man genau hinhört, bemerkt man das leise Geräusch der Steine, die langsam eingesaugt werden.

Ruben Östlund beweist in seinem neuen Film ein Gespür für subtilen Humor und regt zum Nachdenken an. „The Square“ handelt von Christian (Claes Bang), dem Kurator eines großen Stockholmer Museums. Erfolgreich, smart und gutaussehend verkörpert er den linken Kulturmanager. Stellvertretend für all jene den Weltschmerz in sich aufsaugenden betroffenen Intellektuellen, für die die moderne Kunst ein sozialkritisches Statement abgeben muss. Wie schon in seinem letzten Film „Höhere Gewalt“ beginnt Östlund aber langsam mit einer Demontage, in diesem Fall der Kunstbranche und den Menschen dahinter.

Der Kunstbetrieb verliert sich in Phrasen, die er selbst nur umständlich erklären kann. Die Publikation zur Ausstellung will erst einmal dechiffriert werden. Es ist eine Entfremdung von der Realität. Zur Kommunikation mit Menschen außerhalb der eigenen Denkmuster ist man nicht in der Lage, die Angst vor den Menschen am Rande der Gesellschaft allgegenwärtig. Politische Korrektheit und falsch verstandene Toleranz verhindert eine Konfliktbewältigung im Alltag. Konflikte mit der Außenwelt sind vielmehr Interventionen im Leben der sogenannten Elite, die hier ein erbärmliches Bild abgibt. Alles läuft in geordneten Bahnen ab, auch der Sex. Das Schwitzen dabei ist unangenehm und die eigene Selbstüberschätzung schürt die Angst vor dem Samenraub.

Der Zustand der Gesellschaft wird in der zentralen Szene deutlich. Bei einem Galadinner des Museums tritt der muskulöse Performancekünstler Oleg auf (gespielt von US-Stuntman Terry Notary, der als bester Affendarsteller der Welt gilt). Seine animalisch aggressive Art wird der Gesellschaft bald unangenehm. Oleg wird handgreiflich und wütend. An den Tischen senkt man beschämt die Köpfe. Erst als er eine Frau zu Boden zerrt, stürzen sich immer mehr Männer auf ihn. Es ist eine schockierend brutale Szenerie, die Handlungsunfähigkeit der Gäste unangenehm anzusehen.

Christian gerät beruflich wie privat zwischen die Fronten. Die Werbekampagne zur titelgebenden Installation The Square – einem in den Boden eingelassene leuchtenden Quadrat als moralische Schutzzone vor dem Museum – wird unter seiner Verantwortung zum Fiasko. Genauso sein Privatleben, in dem er einen Jungen fälschlicherweise des Diebstahls bezichtigt. Nach einer gemeinsamen Nacht stellt ihn die Journalistin Anne (Elisabeth Moss) zur Sprache. Christian ist sich aber dessen bewusst, dass ihn seine Machtposition attraktiv macht und blockt jeden Annäherungsversuch ab. Östlund hat viele Ideen in seine überlange Gesellschaftssatire gepackt – vielleicht zu viele.

Trotzdem bietet „The Square“, der bei den Filmfestspiele von Cannes mit der Goldenen Palme prämiert wurde, ausreichend Diskussionsgrundlage und regt zum Nachdenken an. Er hält dem Bildungsbürgertum den Spiegel vor. Eine unterhaltsame Demontage, die in der Realität viel schmerzvoller sein wird, oder vielmehr bereits ist.

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Ruben Östlund  SWE/D/F/DEN 2017 142 Min.

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