„VIENNALE-GLITCH“ V’26 Journal/3:

Es gibt einen Viennale-Glitch. Unlängst hatten eine liebe Kollegin und ich ein Ticket für ein und den selben Platz im Gartenbaukino. Irrtum ausgeschlossen und per 6 Augenprinzip bestätigt. Check, re-check, double-check. Davon haben wir uns nicht beirren lassen. Das aktuelle Journal pendelt zwischen Komödie und Filmen mit politischer Agenda.

Der Meister des absurden Kinos ist in diesem Jahr mit zwei Filmen bei der Viennale vertreten. Quentin Dupieux lässt in Full Phil Woody Harrelson an seiner Filmtochter Kirsten Stewart verzweifeln. Sie bewohnen eine große Suite in Paris. Der Papa möchte damit offenbar einiges wieder gutmachen und sich mit seiner Tochter reconnecten. Sie zeigt wenig Interesse und stopft unentwegt Essen in sich hinein. Damit hat der Papa zusehends zu kämpfen. Noch dazu schaut sie sich auf ihrem tragbaren DVD-Player einen alten Horrorfilm mit einem Sumpfmonster an, den wir in Einschüben ebenso zu sehen bekommen.

Kann es einen Film über eine Vater-Tochter-Beziehung ohne Bodyhorrorelemente geben? Ich meine, nein. Bei Dupieux sind lediglich die Rollen vertauscht. Ganz nebenbei gibt es einen zufälligen aktuellen Bezug zu den Unruhen in Paris, der perfekt in die Geschichte eingewoben ist und für einige Lacher im Saal sorgte.

Als Freund von Filmen von überschaubarer Länge, sind die Werke von Quentin Dupieux natürlich erst Recht willkommen. Allerdings sind die Ideen folglich auch nicht immer ausgereift. Ein seltener Fall also, wo mehr tatsächlich mehr gewesen wäre.

Titel Full Phil  Regie Quentin Dupieux Weltvertrieb Studiocanal Kinostart für Österreich noch nicht bekannt.

Full Phil, Quentin Dupieux, Frankreich 2026, V’26 Features

Chile 1973. Kurz vor dem Militärputsch erfüllt der CIA-Agent Lee (Sam Rockwell) seinem todkranken Kollegen Chris (John Malkovich) einen letzten Wunsch und sie Reisen von Santiago de Chile auf die abgelegene Osterinsel im Sudostpazifik.

Chris zum Sicherheitsrisiko geworden, da er nicht nur vieles erlebt hat (da war irgendwas mit John F. Kennedy), sondern einiges an Material zusammengetragen hat und nicht abgeneigt ist, seine Aufzeichnungen zu veröffentlichen. Außerdem hat er beschlossen, von nun an die Wahrheit offen auszusprechen und andere nicht mehr zu belügen. Das Ruft den CIA-Bürochef MJ (Steve Buscemi) auf den Plan.

Das ist die Ausgangslage für eine unterhaltsame Tragikomödie von Martin McDonagh (Banshees of Inisherin, V’22) mit zwei herausragenden Darstellern vor der beeindruckenden Kulisse der Osterinsel. John Malkovich steht aktuell hoch im Kurs um einen Oscar für die Beste Hauptrolle.

Über die Rolle der USA beim Sturz von Salvador Allende gibt es unterschiedliche Interpretationen. Unbeteiligt waren sie jedenfalls nicht. McDonagh möchte das den Menschen nochmals in Erinnerung rufen. Mag sein, dass der alte weiße Mann kurz vor seinem Tod für die USA steht, die dabei sind, an Bedeutung und Einfluss in der Welt zu verlieren. Wir sind aber gewarnt, bis zum letzen Atemzug wird scharf geschossen – und getroffen.

Titel Wild Horse Nine  Regie Martin McDonagh Vertrieb Filmladen Filmverleih Kinostart 12. November 2026

Wild Horse Nine, Martin McDonagh, Vereinigtes Königreich/USA/Chile 2026, V’26 Features John Malkovich and Sam Rockwell in WILD HORSE NINE. Photo by Searchlight Pictures/Diego Araya Corvalán, Courtesy of Searchlight Pictures. © 2026 Searchlight Pictures. All Rights Reserved.

Wir wissen es nicht. Wir wissen nicht, was in den Menschen in Russland gerade vorgeht aber Andrey Zvyagintsev zeichnet in Minotaur ein glaubwürdiges Gesellschaftsbild. Er zeigt, wie selbst jene, die es sich aufgrund ihres sozialen Status richten können, unterschwellig vom Krieg in der Ukraine betroffen sind und was die Situation für das Miteinander bedeutet.

Präzise wie mit einem Skalpell bohrt Zvyagintsev unter der Oberfläche und taucht in den Mikrokosmos einer Familie ein. Der russische Unternehmer Gleb (Dmitriy Mazurov) und seine Frau Galina (Iris Lebedeva) führen eine zerrüttete Ehe. Zu Hause wird kaum gesprochen. Auch der Sohn geistert nur durch den weitläufigen Bungalow. Die Zeit vertreibt sich das Paar mit belanglosen Abenden in Restaurants unter Freunden .

Auf der Straße sind die Werbeplakate der Armee omnipräsent. Sie suchen freiwillige für den Kriegseinsatz. Gleb bekommt den Befehl, eine Liste mi 14 Angestellten zu erstellen, um sie an die Front zu schicken. Das und YouTube-Videos sind auch schon die einzigen Berührungspunkte mit den Krieg. Von diesen 14 Menschenopfern (Russland verbraucht täglich rund 1.000 Soldaten an der Front) hat der Film seinen Titel. In der griechischen Mythologie fordert der Minotaurus regelmäßig diese Oper ein.

Gleb ist dabei seine Frau zu verlieren aber seine einzige emotionale Reaktion darauf, ist eine grausame Gewalttat. Minotaur erzählt von Korruption, Gewalt, Mord und einer Lüge, in der es sich die Menschen scheinbar bequem gemacht haben. Um die russische Gesellschaft genauer zu analysieren, müsste man aber auf jeden Fall tiefer eintauchen.

Die erste Vorstellung lief am Donnerstag im Gartenbaukino in der Originalfassung mit englischen Untertiteln. Auffällig ist, dass die Härte und Monotonie der Sprache oftmals garnicht zulässt, die Bedeutung des Gesagten einzuordnen. War das ein neutraler Tonfall oder unterschwellig aggressiv?

Minotaur ist eine schockierende Bestandsaufnahme, die nachdenklich stimmt und zu Diskussionen anregt. In Cannes gewann der Film den Großen Preis der Jury. Für Frankreich geht er ins Rennen um den Besten Internationalen Film bei den Oscars 2027.

Titel Minotaur  Regie Andrey Zvyagintsev Vertrieb Polyfilm Filmverleih Kinostart 4. Dezember 2026

Minotaur, Andrey Zvyagintsev, Frankreich/Lettland/Deutschland 2026, V’26 Features

Eine Paraderolle für Juliane Moore, die ihr bei der Viennale Szenenapplaus bescherte. In The Debut von Jesse Eisenberg spielt sie Mona Friedmann, eine Hausfrau, die sich bei einem kleinen Theater für eine Rolle in einem Musical bewirbt und unter der strengen Anleitung von Regisseur Paul Giamatti über sich hinauswächst.

Am Anfang steht aber die Verzweiflung des Regisseurs, da Mona so gar keine Bühnenerfahrung hat. Mittels Method Acting drangsaliert er sie förmlich, was zu allerhand witzigen Episoden führt.

Titel The Debüt  Regie Jesse Eisenberg Vertrieb Constantin/Tobis Kinostart 28. Jänner 2027

The Debut, Jesse Eisenberg, USA 2026, V’26 Features

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