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Es ist Weihnachten im Jahr 1934. Arthur Kemper (Oliver Masucci) schenkt seiner Frau Dorothea (Carla Juri) einen aufgerollten, mit Klaviertasten bedruckten Stoff. Musik ist Dorotheas Leidenschaft. Das Familienklavier musste sie aber so wie alles Hab und Gut in Berlin zurücklassen. Arthur und Dorothea sind mit ihren Kindern Anna (Riva Krymalowski) und Max (Marius Hohmann) auf der Flucht vor den Nazis. Es ist eine der berührendsten Szenen in Caroline Links neuen Film Als Hitler das Rosa Kaninchen stahl, die Geschichte einer jüdischen Familie, die fernab der Nazigräuel im Exil lebt und nichts hat ausser einander. Die Szene versinnbildlicht nicht nur die kleinen Freuden im Leben, sondern auch die Bedeutung der Familie in Krisenzeiten.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht der 10-jährigen Anna. Durch Kinderaugen erfahren wir, was es bedeutet, die vertraute Umgebung und alle Freunde hinter sich zu lassen – auch das geliebte rosa Kaninchen. Aufgeschrieben hat die Erzählung Judith Kerr, die im gleichnamigen Roman ihre eigene Lebensgeschichte verarbeitet. Sie verstarb erst im vergangenen Jahr in London, wo sie letztendlich eine neue Heimat fand. Ihr Vater Arthur war ein bedeutender Theaterkritiker, Gegner der Nationalsozialisten und Sozialist. Weitsicht und ein Hinweis auf die bevorstehende Verfolgung veranlassen ihn noch vor Hitlers Machtergreifung zur Flucht. Erst nach Prag, dann nach Zürich. Schon bald folgt ihm der Rest der Familie nach.

Vom gewohnten wohlhabenden Leben muss man sich bald verabschieden. Es ist schwer für Arthur, eine neue Beschäftigung zu finden. Niemand möchte sich mit den Nazis anlegen. So beginnt eine Zeit der Entbehrungen, in der die Familie eng zusammenrückt. Roman und Film erzählen von den Jahren 1933-1935, in denen die Familie zuletzt weiter nach London fliehen muss. Jedes Mal bedeutet das für alle von vorne zu beginnen, die Sprache neu zu lernen und sich in der Fremde versuchen zurechtzufinden. Die aufgeweckte und freche Anna nimmt alles mit einer kindlichen Leichtigkeit hin. Die Sorgen der Eltern entgehen ihr nicht aber im Schutz der Familie fühlt sie sich gleichzeitig unverwundbar. Auch wenn die Spannungen, die sich durch die schwierige Situation aufbauen, stetig zunehmen.

Die leider viel zu selten zu sehende Anne Bennent spielt die Vermieterin in Paris. Sie interessiert sich weniger für das Schicksal der Familie, als dass sie ihre wöchentliche Miete bezahlt. Antisemitismus mischt sich bei ihr genauso in ihre lakonischen Kommentare, wie bei der deutschen Nachbarin. Justus von Dohnáni ist der liebevolle Onkel Julius. Er entschließt sich in Deutschland zu bleiben. Denn eines ist klar: so einfach ist es nicht, alles hinter sich zu lassen. Vor allem wenn es noch Hoffnung gibt, dass alles doch nicht so schlimm werden würde.

Als Hitler das rosa Kaninchen stahl wirft einen etwas anderen Blick auf eine finstere Zeit. Es ist die subjektive Sicht eines kleinen Mädchens, das sich nur nach und nach ein Bild davon machen kann, was um sie herum eigentlich passiert. Es sind die kleinen Momente und Gesten, die das Publikum zu tränen rühren und nicht das große Grauen. Auch Dank einer großartigen Ensembleleistung.

Der Film erzählt ein Fluchtschicksal, dass sich so mancher zu Herzen nehmen sollte, der ein falsches Bild von Flucht und den damit einhergehenden Konsequenzen hat.

Caroline Link | Als Hitler das rosa Kaninchen stahl | D 2019 | 119 Min. | 4 out of 5 stars

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