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Wer nicht erlebt hat, wie seine Tochter im Winter während der Autofahrt ihre Hände aus dem Fenster streckt, damit sie fast abfrieren, hat keine Ahnung davon, was Die Eiskönigin für Mädchen in den letzten Jahren bedeutet hat. Als Jennifer Lee 2014 als erste Regisseurin eines Disney Animationsfilmes gemeinsam mit ihrem Partner Chris Buck für Die Eiskönigin mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, war das für die Geschichte der Animationssparte der Walt Disney Company eine Zäsur. Jahrzehntelang bestimmten Mickey Mouse, Donald Duck & Co die Geschicke des Konzerns. Allerdings rückten die legendären Trickfiguren immer mehr in den Hintergrund. Kinder von heute kennen weder Pluto noch Tick Trick und Track. Die Disney Prinzessinnen wurden längst als Rolemodels vermarktet, als die Schwestern Elsa und Anna zu ihnen stießen und alles in den Schatten stellten. Sie lösten einen nie dagewesenen Fankult aus. Buben hatten mit Cars schon seit ein paar Jahren ihre Helden in Form von Autos. Nun waren die Mädchen dran. Schultaschen und Stifte, Kleider und Unterhosen, Bettdecken und Geschirr: Das Konterfei, vor allem von Elsa, war von nun an aus keinen Kinderzimmer mehr wegzudenken. Die Eiskönigin ist bis heute der erfolgreichste Animationsfilm aller Zeiten (wenn man von The Lion King absieht). Ein Überraschungserfolg für den Disney Konzern.

Die Kombination aus starken Charakteren, einer perfekt animierten und traumhaft schönen Winterlandschaft und einem einprägsamem Soundtrack zum Mitsingen, boten den Rahmen für den ersten Teil, erzählt frei und kindergerecht nach Hans Christian Andersen. Nicht Anna, die wahre Heldin des Films, wurde zum Liebling der Kinder, sondern ihre Schwester Elsa, die nicht sonderlich sympathische Eiskönigin mit magischen Kräften. Genau um diese magischen Kräfte geht es nun in der Fortsetzung.

In der Tonart schlägt Die Eiskönigin 2 neue Wege ein. Es ist etwa so, als wäre die Geschichte mit dem kleinen Publikum mitgewachsen. Der Film ist düsterer geworden, wie es schon der Trailer angekündigt hatte. Elsa versucht dem Ursprung ihrer magischen Kräfte nachzugehen. Dafür begibt sie sich mit Anna, Kristoff, Olaf und dem Rentier Sven auf eine Reise durch eine bildschöne Herbstlandschaft. Dabei vergißt das Produktionsteam nie, was den Erfolg des ersten Teils ausmachte. Rückblenden und Verweise auf den Vorgänger ziehen sich durch die Geschichte, die nun drei Jahre später angesiedelt ist. Das Element Wasser dient als Brücke in die Vergangenheit, denn Wasser, so die Prämisse, vergißt nicht. Die Idee, Elsas Schicksal über ihre Eltern und den Großvater aufzurollen, ist durchaus geglückt. Allerdings ist der Weg dorthin lang und ist zumindest für ein älteres Publikum weit weniger spannend als Teil 1. Wobei das größte Defizit von Die Eiskönigin 2 das gänzliche Fehlen von Ohrwürmern ist. Einzig Elsas zentraler Song mach vielleicht noch als solcher durchgehen aber ist beim Schreiben dieser Zeilen auch schon wieder vergessen.

Dem Regieduo wurde offenbar freie Hand bei der Entwicklung der Fortsetzung gewährt. Das ist dem Film auch anzumerken, weil er eben kein Aufguss des ersten Teils ist und man nicht den Eindruck bekommt, hier wolle man einfach nur noch einmal abzucashen (Wobei das so nebenbei sehr wohl geglückt ist. Das Einspielergebnis der ersten Tage an der Kinokassa war fulminant). Einzig die Magie fehlt und mitzureißen vermag der Film auch nicht. Und wer erklärt unseren Töchtern wieder einmal, dass man im Winter nicht im dünnen Kleidchen herumlaufen kann?

DIE EISKÖNIGIN 2 (OT: FROZEN 2) | CHRIS BUCK/JENNIFER LEE | USA 2019 | 103 Min. | 3.5 out of 5 stars


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