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Manche Filme stehen im Schatten von Diskussionen, die eigentlich mit ihnen selbst nichts zu tun haben. Und sie wiederholen sich. So ist es auch bei The Irishman der Fall. Der Film kommt nun nach 12 Jahren der Entwicklung für kurze Zeit in die Kinos. Kein klassisches Hollywoodstudio wollte den Film produzieren. Daher kaufte die Streaming Plattform Netflix die Rechte und ließ Martin Scorsese freie Hand. Es wurde nicht nur sein längster Film, sondern auch sein teuerster und einer seiner bedeutendsten, in seiner 50 Jahre umfassenden Karriere. Lange Entstehungsprozesse verheißen meist nichts Gutes. Mit The Irishman verhält es sich anders.

Der Ire heisst Frank Sheeran (Robert De Niro). Geboren 1920, arbeitete er Anfangs als LKW-Fahrer und geriet dadurch mit der Bufalino Crime Family, einer Mafiaorganisation, in Kontakt. Das Familienoberhaupt Russell Bufalino (Joe Pesci) wurde zu seinem Mentor. Der loyale Sheeran erledigte für die Familie immer wieder Aufträge und kam schon in jungen Jahren mit dem Gesetz in Konflikt. Bufalino machte Sheeran mit dem umstrittenen Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa (Al Pacino) bekannt und die beiden wurden Freunde. Mafia und Gewerkschaft waren zu dieser Zeit eng verstrickt. Konkurrierenden Mitbewerbern wurde das Leben schwer gemacht. Wirtschaftliche Interessen und Macht standen im Vordergrund. Eines Tages erteilt Bufalino Sheeran einen heiklen Auftrag.

Im Jahr 1992 verfilmte Danny DeVito in Hoffa das Leben von Jimmy Hoffa mit Jack Nicholson in der Hauptrolle. Der Film wurde sehr zwiespältig aufgenommen, unter anderem deswegen, weil er sich nicht entscheiden konnte, ob Hoffa nun ein Gewerkschafter oder doch mehr Gangster war. Sein plötzliches Verschwinden 1975 war damals noch ein völliges Mysterium. Die Umstände sind bis heute nicht vollkommen geklärt. Kurz vor seinem Tod im Jahr 2003 gestand Sheeran jedoch dem Strafverfolger Charles Brandt, dass er Hoffa ermordet hatte. Die Aufzeichnungen seines Geständnisses sind unter dem Titel I Heard You Paint Houses: Frank „The Irishman“ Sheeran and Closing the Case on Jimmy Hoffa erschienen und dienten Martin Scorsese als Grundlage für seinen Film. Nach so langer Zeit ist eine restlose Aufklärung nicht mehr wahrscheinlich. Auch wenn das Geständnis von Sheeran höchst umstritten ist, so sprechen Indizien sehr wohl dafür, dass der Irishman für den Mord verantwortlich war. Für den Film macht das aber so oder so keinen Unterschied.

The Irishman ist ein Stück Filmgeschichte. Scorsese reflektiert und dekonstruiert seine eigenen Gangsterfilme, indem er das Heldentum der Mobster in Frage stellt. Die eigenen Kinder verachten sie. Ihre Väter haben im Hintergrund die Geschicke der USA mitbestimmt aber am Ende wird sich herausstellen, dass sich heute niemand mehr an sie erinnert.

Darüber hinaus setzt er Robert De Niro, Al Pacino und Joe Pesci ein filmisches Denkmal. In der einen oder anderen Konstellation standen sie bereits gemeinsam vor der Kamera (Pacino nun erstmals unter der Regie von Scorsese). Hier wirken ihre Auftritte wie ein Rückblick über deren gesamtes schauspielerisches Schaffen. Nicht zuletzt wegen der beindruckenden Computereffekte, mit denen Scorsese mit 76 Jahren noch einmal filmisches Neuland betrat und die Schauspieler digital verjüngen lies. Da ihr gesamtes Leben in den unterschiedlichsten Zeitabschnitten in den vergangenen Jahrzehnten durch ihre Rollen gewissermaßen auf Film konserviert wurde und so für das Publikum nie eine zeitliche Distanz entstehen konnte, wirkt die digitale Verjüngung um mehr als drei Jahrzehnte nicht befremdlich. Dafür sind uns ihre Gesichter zu vertraut. Das ist das revolutionäre an Scorsese epischen Gangsterfilm. In jedem Film steht eine bestimmte Zeit für die SchauspielerInnen für immer still. In The Irishman ist dieser zeitliche Aspekt zum ersten Mal aufgehoben. Wir sehen die künstlerische Arbeit von Schauspielern von mehreren Jahrzehnten in 3 1/2 Stunden. Die digitale Manipulation von SchauspielerInnen im Film wird uns noch lange beschäftigen und vor allem, wenn sie nach deren Tod passiert, immer wieder zu großen Diskussionen führen. Dabei wird sich die Frage nach den Motiven ebenso stellen, wie die nach ethischen Grundsätzen.

Doch eines fällt auf: Während sich hier viele Männer, die Jahrzehnte lang mit den Filmen von Scorsese in Verbindung gebracht wurden, noch einmal vor der Kamera versammelten – Joe Pesci konnte nur mit großen Mühen dazu überredet werden, aus dem Ruhestand zurückzukehren – fehlen die Frauen völlig. Patricia Arquette, Lorraine Bracco, Juliette Lewis oder Sharon Stone kommen nicht vor. Nur wenige Frauen 40plus konnten sich in Hollywood an der Spitze halten. Dabei ist die Qualität der Rollenangebote genauso von Bedeutung wie die Entscheidung, sich mehr der Familie zu widmen. Debra Winger, in den 1980ern mehrfach für den Oscar nominiert, zog sich zurück (Rosanna Arquette drehte im Jahr 2002 den Dokumentarfilm Searching for Debra Winger und setzt sich genau mit diesem Thema auseinander.) Die Karriere von Kathleen Turner, in den 1980ern eine der erfolgreichsten Schauspielerinnen Hollywoods, war in den 1990ern auch schon wieder zu Ende. Susan Sarandon, Oscar Preisträgerin, 5-fach nominiert. Helen Hunt, Oscar Preisträgerin. Die Liste lässt sich endlos fortsetzen. Noch nie war die Absenz des weiblichen Hollywood so stark zu spüren wie in The Irishman. Einzig Anna Paquin, sie erhielt mit 11 Jahren einen Oscar für ihre Rolle in Das Piano, hat als Sheerans Tochter einen nennenswerten Auftritt.

18 Monate nach dem Ende der Dreharbeiten feierte Scorseses Langzeitprojekt nun Ende September beim New York Film Festival Premiere. Von vielen Kinobetreibern werden Netflix Produktionen boykottiert. So auch von der Kette Cineplexx, dem österreichischen Marktführer. Das wirkt sich hierzulande somit dramatisch auf das Angebot aus. Auch wenn der Film bereits ab 27. November 2019 in den Wohnzimmern abrufbar ist, lohnt sich der Kinobesuch. Nicht nur wegen der großen Leinwand, sondern auch wegen der Länge, bei der zu Hause ein ungestörter Filmgenuss eher zweifelhaft erscheint.

THE IRISHMAN | MARTIN SCORSESE | USA 2019 | 209 Min. | 4.5 out of 5 stars


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