Pinocchio

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In diesem Jahr entführt uns Oscar-Preisträger Guillermo del Toro (Shape of Water – Das Flüstern des Wassers) in die Welt von Geppetto und seiner berühmten Holzpuppe Pinocchio. Umgesetzt gemeinsam mit Mark Gustafson (Der fantastische Mr. Fox) in der Stop-Motion Technik. Nach nur wenigen Spieltagen im Kino leitet Guillermo Del Toro’s Pinocchio nun bei Netflix die Award Season ein. Es ist die Arbeit eines Visionärs. Eine wunderbar feinfühlige Neuinterpretation.

Darum geht es

Nachdem der Tischlermeister Geppetto (David Bradley) seinen Sohn verloren hat, schnitzt er aus einem Baum eine Holzpuppe und nennt sie fortan Pinocchio. Eine Fee erweckt Pinocchio (Gregory Mann) zum Leben. Der Junge ist allerdings alles andere als brav und stellt seinen Schöpfer immer wieder auf die Probe, bis er eines Tages auf dem Schulweg auf Graf Volpe (Christoph Waltz) und Sprezzatura (Cate Blanchett) trifft und sich ihrem Zirkus anschließt. Es ist der Beginn einer großen abenteuerlichen Reise.

Guillermo del Toro’s Pinocchio -Pinocchio (Stimme von Gregory Mann) and Count Volpe (Stimme von Christoph Waltz). Cr: Netflix © 2022

Kommentar

Im Jahr 1940 legte Walt Disney mit dem zweiten abendfüllenden Zeichentrickfilm Pinocchio einen Grundstein für die bis heute andauernde Erfolgsgeschichte des Produktionsstudios. Der Film wurde nicht nur wegen seiner technischen Perfektion gelobt, sondern auch auf Grund der Neuinterpretation des Originalstoffes von Carlo Collodi aus dem Jahr 1881. Disneys Version war düster. Es sollte aber noch viele Jahrzehnte dauern, bis die Geschichte sich vom Ruf eines Kindermärchens emanzipieren konnte und der Entwicklungsroman durchaus auch als Erwachsenenliteratur gelesen wurde. Was die Geschichte bei genauerer Betrachtung auch nahelegt.

Heute ist dem jungen Publikum die erste Verfilmung wohl kaum mehr bekannt, im Gegensatz zur allgegenwärtigen Visualisierung der Holzpuppe mit der roten Hose. Ebensowenig, dass der mit einem Oscar prämierte Song „When you wish upon a Star“, gesungen von der Grille, zur inoffiziellen Hymne von Disney geworden ist und bis heute am Anfang fast jeder Produktion des Konzerns erklingt. Erst vor wenigen Monaten ist man bei Disney mit einer Neuverfilmung kläglich gescheitert. Dazwischen liegen zahlreiche weitere Verfilmungen von unterschiedlicher Qualität.

Pinocchio ist also unzertrennliche mit Disney verbunden. Guillermo del Toro (ihm zur Seite stand Stop-Motion Spezialist Mark Gustafson) dürfte es aber gelingen, mit seiner Version ein neues Kapitel aufzuschlagen. Guillermo del Toro’s Pinocchio ist ein technisches Meisterwerk, welches das Publikum in Staunen versetzen wird und mit viel Liebe und Fingerspitzengefühl inszeniert ist (alleine mit wieviel Leidenschaft Del Toro Pinocchio ausspricht, als wäre er selbst Gepetto!). Einzig die Gesangsnummern wirken deplatziert (ungeachtet ihrer Qualität).

Auch Del Toros Ansatz ist ein düsterer. Er verlegt die Geschichte in die Zeit des italienischen Faschismus und läßt Pinocchio für Benito Mussolini tanzen. Die Holzpuppe weiß aber ganz genau, wer da im Publikum sitzt und macht dass, was Spitzbuben so tun. Dieser Brückenschlag ist durchaus gelungen und erinnert an Pan’s Labyrinth (2006), wo Del Toro schon einmal ein faschistisches Regime in seine Geschichte eingewoben hatte (damals Spanien unter Franco). Wunderbar ist Ewan Mc Gregor als Sebastian J. Grille (auch gesanglich stark). Kein süßes Tier als Beiwerk sondern ein Insekt eben. Christoph Waltz macht als Antagonist Graf Volpe das, was er am Besten kann und hatte hörbar Freude daran. Die Blaue Fee (Tilda Swinton) bekommt bei Del Toro eine größere Rolle in Gestalt einer Schwester im Totenreich. Selbst als Holzpuppe muss sich Pinocchio mit dem Tod und der eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen.

Guillermo del Toro’s Pinocchio | Behind the Scenes

Es ist ein Dilemma, dass einem bahnbrechenden Erfolg gerade das größtes Kapital im Wege stehen wird. Stop-Motion ist natürlich ein Nischenprodukt. Bleibt zu hoffen, dass die Niederschwelligkeit von Netflix dem Film zu mehr Erfolg verhilft, als es bei einer längeren Kinoauswertung möglich gewesen wäre. Immerhin konnte wer wollte den Film im Laufe einiger Tage im Kino sehen. Anderen Filmen bleibt dieses Privileg längst verwehrt.

Man kann die Prognose wagen: In diesem Jahr wird die Oscar Kategorie Bester Animierter Film nicht von bunten Kinderfilmen beherrscht werden. Es ist nicht nur das Jahr von Stop-Motion, sondern eines Trickfilmes, der sich (auch) an ein älteres Publikum wendet. Die Chancen für Del Toro dürften nicht schlecht stehen, obwohl die Konkurrenz wie in jedem Jahr stark ist. Netflix strebt gar eine Nominierung in der Kategorie Bester Film an. In jeglicher Sicht gerechtfertigt.


GUILLERMO DEL TORO’S PINOCCHIO
Stop-Motion Märchen, USA/MEX/F 2022

Regie Guillermo del Toro, Mark Gustafson
Drehbuch Guillermo del Toro, Carlo Collodi, Matthew Robins,
Kamera Frank Passingham
Schnitt Ken Schretzmann
Musik Alexandre Desplat
Mit Gregory Man, Ewan McGregor, David Bradley, Christoph Waltz, Tildo Swinton, Cate Blanchett
Streamingplattform
Netflix


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