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In den USA ist das Musical Hamilton ein Broadway-Hit und das schon seit fünf Jahren. Bei uns war die Geschichte rund um Alexander Hamilton (ca. 1757-1804), einem der Gründerväter der USA und deren erster Finanzminister, bis jetzt nicht bekannt. Die deutsche Musicalfassung ist in Deutschland gerade im Entstehen. Im Herbst 2021 hätte die Aufnahme des Bühnenstücks über Disney+ einem weltweiten Publikum zugänglich gemacht werden sollen. So war der Plan. Im Frühjahr 2020 entschied man sich aber kurzerhand, den Film bereits zum Unabhängigkeitstag im Juli des selben Jahres zu veröffentlichen. Lin-Manuel Miranda spielt darin die Titelrolle, schrieb die Texte und komponierte die Musik. Hamilton ist mitreissend und das über zweieinhalb Stunden. Aufs Klo sollte man gehen bevor man auf Play drückt. Ein Theaterbesuch.

Darum geht es

Alexander Hamilton (Lin-Manuel Miranda), Immigrant aus der Karibik, kommt 1776 mit 19 Jahren nach New York. Dort schließt er sich mit Revolutionären zusammen und tritt folglich der Kontinentalarmee bei. Im Kampf gegen die britische Vorherrschaft entpuppt sich Hamilton als politisches Talent. Bald wird er die Rechte Hand von George Washington (Christopher Jackson). In der Ausgestaltung der Unabhängigkeit kommt es immer wieder zu Spannungen zwischen den Abolitionisten. Hamiltons Widersacher ist Aaron Burr (Leslie Odom jr.), ein weiterer einflussreicher Politiker seiner Zeit. Trotz Zurufen von König George III. (Jonathan Groff) aus Großbritannien schreitet der Unabhängigkeitskrieg voran aber die strategischen Differenzen werden immer größer.

Auf einem Ball lernt Hamilton Eliza Schuyler (Phillipa Soo) kennen. Sie heiraten und bekommen einen Sohn. Der große politische Durchbruch gelingt Hamilton vorerst nicht. Washington überlässt das Kommando über die Truppen anderen. Auch in Sachen Finanzpolitik ist man sich uneins. Hier gewinnt Hamilton zusehends an Einfluss. Sehr zum Missfallen von Burr, der seine politischen Ideale schnell einer für ihn günstigen Position anpasst. Als Hamilton erfolgreich Thomas Jeffersons (Daveed Diggs) Präsidentschaftskandidatur unterstützt, wird er von Burr zum Duell herausgefordert.

Lin-Manuel Miranda und Phillipa Soo

Kommentar

Hamilton ist in den USA bereits ein Stück Popkultur geworden. Mit einer Darstellerriege, fast ausschließlich bestehend aus Schwarzen und Latinos, steht das Bühnenstück für eine Zeit des Aufbruchs, die in den letzten Jahren einen herben Rückschlag einstecken musste. Die Kombination aus einer historischen und identitätsstiftenden Geschichte und modernen Hip-Hop-, Jazz- und Pop-Klängen entwickelte sich für den Mastermind Miranda (er übernahm in der Fortsetzung von Mary Poppins den Part von Dick van Dyke) zum Sensationserfolg.

Von der ersten Minute an zieht einen Hamilton in seinen Bann. Für die folgenden hundertsechzig Minuten bleibt kaum Zeit zum Durchatmen. Eine Gesangsnummer folgt der nächsten, allesamt gehen sie ins Ohr. Die Darsteller wirbeln über die Bühne. Das Bühnenbild ändert sich nie. Allein durch die Lichttechnik werden Akzente gesetzt. Das Tempo ist hoch.

Im Film ist die Originalbesetzung der Broadway Version zu sehen. Die bis in die Nebenrollen charismatischen Darsteller schaffen es, ihre Energie auf das Publikum zu übertragen. Und ihre Leidenschaft. Wer glaubt, eine Theaterstück vermag im Fernsehen nicht zu berühren, wird hier eines besseren belehrt. Für das Finale sollte man Taschentücher bereithalten. Neben den Hauptrollen sticht Jonathan Groffs König George III. mit seinen witzigen Popsongs hervor. Brilliant! Auch die drei Schuyler Schwestern haben starke Gesangsnummern und brechen die sonst männerdominierte Welt auf.

Die nun vorliegende Filmversion setzt sich aus drei Aufführungen vor Publikum im Richard Rodgers Theatre in Manhattan im Jahr 2016 zusammen. Einzelne Nahaufnahmen wurden zusätzlich aufgenommen. Theaterregisseur Thomas Kail gelingt es in dynamischen Bildern (Kamera: Declan Quinn!) die fehlende Liveatmosphäre wett zu machen. Und das funktioniert selbst zu Hause vor dem Fernsehschirm, egal ob in kleinen Momenten oder in klug umgesetzten Kriegsszenen. Ein Kinostart ist nach wie vor in Planung und sobald ein Termin steht, sollte man sich ihn im Kalender rot anstreichen.

Nicht nur die Musik holt die Geschichte in die Gegenwart. Hamilton erzählt auch davon, wie Geschichte tradiert wird. Wer erzählt wie von der Vergangenheit? Was wird überliefert, was geht verloren? Wer hat die Deutungshoheit? Was ist aus den damaligen Visionen von Gleichheit geworden? Heute ziert Hamiltons Konterfei die 10 Dollar Note und die Rechte von Schwarzen und Migranten müssen immer noch Tag für Tag erkämpft werden. „Immigrants, we get the job done“ heisst es einmal. Hamilton erinnert auch daran, welchen Anteil Immigranten am Aufbau der USA hatten und haben.

Hamilton ist in der englischen Originalsprache mit Untertiteln verfügbar.

HAMILTON | THOMAS KAIL | USA 2020 | 160 MIN | 5 out of 5 stars



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