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Es gibt diese Ikone der Fotografie, in der Cassius Clay 1965 im Ring steht und den vor ihm auf dem Boden liegenden Sonny Liston anzubrüllen scheint. Clay ist eine jener Persönlichkeiten, für die es im Englischen die Zuschreibung larger than life gibt. Überlebensgroß also, ein Leben weit über die Grenzen der Sportwelt hinaus bekannt. One Night In Miami spielt nun im Jahr davor, am 25. Februar 1964, als es in Miami zum ersten Aufeinandertreffen der beiden Boxlegenden und zu einem überraschenden Sieg von Clay kam. Es ist eine fiktive Geschichte rund um diesen Kampf und sie bringt in jener Nacht Cassius Clay mit drei weiteren Männer in einem Motelzimmer zusammen, die jeder auf seine Art Geschichte geschrieben haben: Jim Brown, Sam Cooke und Malcom X. Das Spielfilmdebüt der Oscar-Preisträgerin Regina King (Beale Street) war 2020 die erste Regiearbeit einer afroamerikanischen Regisseurin, die bei den Filmfestspielen von Venedig gezeigt wurde.

Darum geht es

Nachdem Cassius Clay (Eli Goree) im Miami Convention Center Schwergewichtsweltmeister wurde, verbringt er den weiteren Abend mit dreien seiner engsten Freunde in einem Motelzimmer: mit dem NFL-Spieler Jim Brown (Aldis Hodge), dem Soulsänger Sam Cooke (Leslie Odom Jr.) und Bürgerrechtler und Aktivisten Malcom X (Kingsley Ben-Adir). Es werden grundlegende Fragen der eigenen Verantwortung im Kampf um die Rechte der schwarzen Bevölkerung diskutiert, bei er sich die Männer durch ihre unterschiedlichen Ansichten immer wieder in die Haare kriegen. Die Atmosphäre bleibt trotz aufkommender Emotionen jedoch immer von freundschaftlichem Respekt geprägt.

Malcom X (Kingsley Ben-Adir) hat eine böse Vorahnung.

Kommentar

Das Treffen fand tatsächlich statt, allerdings sind die Inhalte der Gespräche nicht verbrieft. Das auf einem Theaterstück von Kemp Powers basierende Drama One Night in Miami verdichtet einen Umbruch in der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung auf wenige Stunden. Nachdem Cassius Clay über Nacht zum Weltstar wurde, bekannte er sich zur Nation of Islam und legt seinen Sklavennamen, wie er sagte, ab und nannte sich zuerst Cassius X und später Muhammad Ali. Es ist der Vorabend des Entstehens der Black Power Bewegung. Malcom X zweifelt bereits an der Ideologie der Nation of Islam, die eine Black Supremacy Strategie vertrat und damit genauso rassistisch war, wie jene, die man bekämpfte.

Der Film reflektiert exemplarisch anhand der vier Männer die Stellung der Schwarzen in den USA und ihre Wirkung zueinander. Malcom X, der insgeheim das Zentrum der Erzählung bildet, versucht die anderen aufzurütteln und sieht sie in der Pflicht, ihren Einfluss für den Kampf der Rechte von Schwarzen einzusetzen. Sonst würden sie von den Weißen nur für ihre Talente respektiert aber nicht als Menschen schwarzer Hautfarbe. So sei Sam Cooke zwar erfolgreich, jedoch nur solange er auf der Bühne steht. Dass Cooke in seinen Texten dabei nur über die Liebe singt und nicht die Kraft seiner Stimme für die Bewegung erkennt, bringt Malcom X in Rage.

Cassius Clay, der kurz davor steht, zu konvertieren, steht stark unter dem Einfluss von Malcom X. In plagen letzte Zweifel, ob er denn den Schritt Richtung Islam wagen sollte. Man merkt, es brennt in ihm mehr zu sein als bloß ein Boxer. Jim Brown ist ebenfalls dabei sich zu verändern. Bald wird er dem Sport den Rücken kehren und ins Schauspielfach wechseln.

Malcom X hat bereits eine Vorahnung. Er ist jener der Truppe, der unter ständiger Bewachung steht. Auch wenn er sich nichts anmerken läßt, versetzt ihn jede kleine Auffälligkeit in seiner Umgebung in Alarmbereitschaft. Als er einen seiner Leibwächter in der Nacht dabei beobachtet, wie er einem weißen Mann auf dem Parkplatz etwa zusteckt, erinnert die Szene an den Verräter Judas. Ein Jahr später wird Malcom X ermordet. Traurigerweise ereilte drei der vier Männer ein tragisches Schicksal.

In One Night in Miami werden historische Fakten klug in die Geschichte eingefügt. Es wird deutlich, was die vier Charaktere antreibt. Obwohl die Grundlage ein Bühnenstück ist und der Film das nicht ganz verleugnen kann, vergißt Regina King nicht auf die filmischen Momente, vor allem in den Passagen, in denen die Handlung das Motelzimmer verläßt. Eine der bedrückendsten Szene ist Jim Brown vorbehalten, als er auf seinen Gönner Carlton (Beau Bridges in einem Kurzauftritt) trifft. Die zwischenmenschlichen Spannungen unter den Protagonisten tun ihr übriges. Vor allem Kingsley Ben-Adirs Darstellung von Malcom X ist schwer beeindruckend. Dabei ist es für alle keine leichte Aufgabe, derart populäre Persönlichkeiten zu verkörpern. Er versucht die anderen für seine Sache einzuspannen und hadert selbst mit seiner Rolle. Diese Komplexität der Charaktere und nachdenklich stimmende Auseinandersetzungen machen den Film so sehenswert.

REGINA KING | ONE NIGHT IN MIAMI | USA 2020 | 110 MIN. | 4.5 out of 5 stars


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