The-Assistant-Movie-2020

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Aufsehenerregende Geschichten nach wahren Begebenheiten finden in der ein oder andere Form früher oder später ihren Weg auf die Leinwand. So verhält es sich auch mit The Assistant von Kitty Green und dem Weinstein-Skandal. Sogar das mit der Leinwand stimmt in diesem Fall. Das Drama um sexuellen Missbrauch am Arbeitsplatz feierte bei der Berlinale im Februar 2020 Premiere. Der Film zeichnet sich durch eine außergewöhnlich wirkungsvolle subtile Herangehensweise aus. Ein weiteres gelungenes Spielfilmdebüt in diesem Jahr.

Darum geht es

Julie (Julia Garner) sitzt seit fünf Wochen im Vorzimmer eines Filmproduzenten. Als seine Assistentin kommt sie als erste ins Büro und verläßt es spät Abends als letzte. Termine koordinieren, kopieren, saubermachen und Kinder betreuen sind nur ein kleiner Teil ihrer Aufgaben. Als Mädchen für alles kann sie es trotz sehr guter Qualifikation nie allen recht machen. Ihre zwei männlichen Kollegen im Raum lassen ihr im Büro keinerlei Privatsphäre. Ständig wird sie für private Angelegenheiten eingespannt aber ist für die anderen trotzdem so gut wie unsichtbar.

Als ihr Chef eine zusätzliche Sekretärin einstellt, erhärten sich die Indizien, dass diese nur wegen ihres Aussehens ausgewählt wurde und dem Chef als sexuelle Gespielin dienen soll. Sie wendet sich mit ihrem Verdacht an den Personalleiter (Matthew Macfadyen). Dort muss sie aber erkennen, dass hier ein System dahinter stecken dürfte. Sie bekommt nur den Hinweis mit auf den Weg, sie brauche sich keine Sorgen zu machen, da sie nicht nicht sein Typ sei.

Jane (Juli Garner) unter Kollegen.

Kommentar

Die Handlung von The Assistant erstreckt sich über einen Arbeitstag von Julie. Als Zuseher nimmt man ihre Perspektive ein und es ist ihr Gesicht, das den gesamten Film prägt. Über ihre Blicke nehmen wir nicht nur ihre Gefühlswelt, sondern auch die Umgebung war. Den Boss, den sieht man nicht. Wir kennen nur seine Stimme am Telefon, wenn er Julie wieder einmal maßregelt, wenn sie eine Aufgabe, die meist von Vorhinein nicht ihr gewesen wäre, nicht nach seine Wünschen erledigt hat. Oder hören sein Lachen durch die verschlossene Tür.

Ihre zwei Zimmerkollegen ignorieren sie völlig, sind aber schnell unaufgefordert zu Stelle, wenn Julie wieder einmal ein Entschuldigungsmail an ihren Chef verfassen muss. Bestenfalls werfen sie ihr skeptische Blicke zu, wenn sie versucht, ein Problem zu lösen. Meist spricht Julie man Telefon, darüber hinaus gibt es kaum Dialoge und wenn, dann nur bruchstückhafte Gespräche.

Der Ton trägt in The Assistant viel zur atmosphärischen Stimmung bei. Die Kamera meist auf Julie gerichtet, spielen sich fast sämtliche Gespräche außerhalb unseres Blickfeldes ab. Musik von Tamar-kali gibt es nur in der ersten und letzten Szene. Dafür ist das ständige Surren der Lüftungsanlage zu hören. Satzfragmente und Stimmengewirr im Hintergrund lassen das Publikum in das Büro eintauchen. Dabei möchte man das eigentlich überhaupt nicht. Regisseurin Kitty Green gelingt es, eine klaustrophobische Atmosphäre des Unbehagens zu erzeugen. Die Bildsprache ist von klaren Linien bestimmt, die Farben sehr reduziert. Das Büro wirkt beinahe wie ein Gefängnis, die Stimmung erinnert an einen modernen Horrorfilm.

Langsam entsteht in Julies Kopf und damit gleichzeitig in unseren Köpfen ein Bild davon, was in dieser Firma vor sich geht. Man sieht es aber nicht. Trotzdem besteht kein Zweifel daran. Indirekte Bestätigung erfährt sie durch die Reaktionen der Kollegen. In diesem Moment wird klar, dass sie völlig alleine dasteht und von niemanden Unterstützung erfahren wird. Ganz im Gegenteil: der Rest der Belegschaft hat sich längst angepasst.

Die kühle und reduzierte Herangehensweise an ein Thema, für das erst vor wenigen Jahren ein entsprechendes Bewusstsein geschaffen wurde, machen The Assistant zu einem besonderen Film. Die eigentliche Tat ist darin so unsichtbar, wie im realen Leben versteckt hinter Bürotüren. Alle wissen es. Keiner unternimmt etwas. Dabei beginnt der systematische Missbrauch einer Machtposition durch kleine Gesten und Verhaltensmuster schon viel früher und gehört zum Büroalltag. Das Herz des Filmes ist jedenfalls die schauspielerische Leistung von Julia Garner, die fast zur Gänze ohne Dialoge auskommen muss. Eine Frau ohne Stimme umgeben von widerwärtigen Männern.

The Assistant ist übrigens einer von zwei großartigen Filmen im Jahr 2020, die sich mit Frauenschicksalen auseinandersetzen und auf der Bewertungsplattform Rotten Tomatoes eine auffällige Diskrepanz zwischen Kritiker- und Publikumsbewertung aufweisen, nämlich 92% zu 25%. Bei Never Rarely Sometimes Always, einem Film über Abtreibung, ist das Verhältnis 99:20.

THE ASSISTANT | KITTY GREEN | USA 2019 | 88 MIN. | 4.5 out of 5 stars


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