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Kann Spoiler enthalten

Einer der meisterwarteten Filme der jüngsten Vergangenheit hat nun seinen Weg in unsere Wohnzimmer gefunden: Pieces of a Woman war schon vor der Premiere bei den Filmfestspielen von Venedig letzten Herbst im Gespräch und als Vanessa Kirby dort den Darstellerpreis erhielt, war klar, dass es sich um eine der herausragendsten schauspielerischen Leistungen in dieser Saison handelt. Von einer beeindruckenden wie intensiven 20-minütigen Plansequenz ist die Rede. Es waren aber auch durchwachsene Filmbesprechungen zu lesen und das bei einen Film, der wohl in mehreren Kategorien ins Oscar Rennen gehen wird. Offensichtlich eine spannende Arbeit, die der ungarische Film- und Theaterregisseur Kornél Mundruczó gemeinsam mit seiner Partnerin Kata Wéber, die das Drehbuch verfasste, abgeliefert hat.

Darum geht es

Martha (Vanessa Kirby) und Sean (Shia LaBeouf) bereiten sich gerade auf den bevorstehenden Nachwuchs vor. Ein Kinderzimmer wird eingerichtet, von ihrer Mutter Elisabeth (Ellen Burstyn) kommt der Minivan. Die Beiden haben sich für eine Hausgeburt entschieden. Als es soweit ist, verständigen sie die Hebamme. Doch die ist gerade bei einer anderen Geburt und schickt als Vertretung Eva (Molly Parker). Zum Kennenlernen bleibt nicht viel Zeit. Es geht alles sehr schnell.

Eva misst die Herztöne und es scheint alles nach Plan zu verlaufen. Als sich bei Eva doch eine gewisse Besorgnis breit macht, spielt sie sie herunter. Unterschwellig und beinnahe unbemerkt ändert sich die Stimmung. Eva rät, den Notarzt zu rufen. Kurz darauf hält Martha ihr Baby in den Armen. Es werden Fotos geschossen. Das Paar ist überglücklich.

Doch dann passiert das denkbar Schlimmste. Als der Arzt kommt, ist es bereits zu spät. Martha und Sean stehen unter Schock und mit ihnen die Familie, vor allem die Mutter Elisabeth. Wochen und Monate vergehen. Es gibt kein Wir mehr. Jeder trauert für sich. Nicht nur emotional, auch juristisch wird der Fall aufgearbeitet. Es war nicht der einzige Fehltritt der Hebamme.

Vanessa Kirby in einer der schönsten Szenen in Pieces of a Woman.

Kommentar

Es beginnt mit einem Mann. Sean ist Bauarbeiter und arbeitet gerade an einem Brückenbau. Über die Zeitspanne der Handlung des Films werden die zwei Enden der Brücke immer mehr zusammenwachsen und gleichzeitig bricht eine andere Verbindung entzwei.

Nach einer kurzen Einführung kommt es zur besagten 20-minütigen Geburtsszene. Die Kamera gleitet von Raum zu Raum durch die Wohnung, schwenkt nie weg (Kamera: Benjamin Loeb). Wir sind so nah dran wir nur möglich. Die Nervosität, die Anspannung und der Schmerz sind spürbar und mitten drin gibt es intime Glücksmomente. Für Vanessa Kirby ist es eine Tour de Force, die alle Anerkennung verdient. LaBeouf und Parker tragen ihren Beitrag zur Intensität der Szene bei. Den gesamten Film über fragt man sich, ob die Hebamme nun wusste was sie tat oder nicht. Parker spielt gekonnt mit dieser Unsicherheit. Nebenbei wird es für viele das erste Mal sein, eine Geburt auf derart realistische Weise mitzuerleben und eine überraschende Erkenntnis sein, dass Komplikationen bei der Geburt nicht gerade selten sind. Erst nach 30 Minuten erscheint der Titel des Films und ab dann ist alles anders.

Es folgt die Trauerarbeit und es ist dieser Bruch, den viele dem Film ankreiden. Nichts kann das eben Gesehene noch übertreffen. Dem ultimativen Realismus folgen in einem Drehbuch niedergeschriebene Dialoge. Dabei bietet Pieces of a Woman einiges auf, um dies abzufedern. Kirby trägt den Film bis zum Schluss. Sie ist hier ganz klar der Star. Keine Überraschung für all jene, denen sie schon als junge Prinzessin Margret in The Crown oder als White Widow in Mission: Impossible – Fallout aufgefallen war. Ihre Karriere könnte nun ordentlich an Fahrt aufnehmen.

Ellen Burstyn ist Marthas dominante Mutter Elisabeth. Sie mischt sich von Beginn an in das Leben der beiden Protagonisten ein und belastet die Beziehung. Sean ist für sie als Bauarbeiter nicht standesgemäß. Einer, der sich nicht einmal ein Familienauto oder den Grabstein für die Tochter leisten kann. Mit der Tochter wiederum kommt es zu intensiven Schlagabtauschen. Sie spielt mit einer Eindringlichkeit, die über den Film hinaus im Gedächtnis bleibt. Eine Nominierung für einen Oscar in einer Nebenrolle scheint wohl als gesichert.

Während sich Martha zurückzieht, kocht in Sean die Wut. Er möchte Gerechtigkeit, wo es keine gibt und fühlt sich alleingelassen. Immer wieder verliert er die Kontrolle über seine Emotionen. In einer bedrückenden Szene zwingt er Martha zum Sex, nur um zu schnell wieder das Interesse zu verlieren. Nur in einem ist sich Sean mit seiner Schwiegermutter einig. Die Hebamme gehört zur Rechenschaft gezogen. Gegen Ende kommt es zu einer Gerichtsverhandlung. Öfters wurde angemerkt, dass sie den Film zu sehr von seiner ursprünglichen Intention entfernt.. Doch es geht in Pieces of a Woman nie um Gerechtigkeit. Es gibt keine spannenden Kreuzverhöre oder alles, was man sonst von einem Gerichtssaaldrama erwartet. Für Martha ist die Verhandlung ein Teil der Trauerarbeit.

Mag sein, dass Pieces of a Woman den anfänglichen Realismus hätte mitnehmen müssen, um das große Meisterwerk werden zu können. Doch wir haben es hier sicherlich mit einem überdurchschnittlichen Film zu tun, den man nicht auf die Geburtssequenz reduzieren kann. Die Charaktere bleiben bis zum Ende interessant.. Es gibt zahlreiche hervorragende schauspielerische Leistungen und Szenen, die man nicht so schnell vergisst. Für Diskussionen ist also gesorgt.

KORNÉL MUNDRUCZÓ | USA/CANADA 2020 | 128 MIN. | 4 out of 5 stars


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