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Die Verlagerung aktueller Spielfilme von den Kinos auf Streamingplattformen treibt seltsame Blüten. A Sun feierte beim Toronto International Filmfestival im September 2019 in einer Nebenschiene unter mehr als 50 weiteren Filmen seine Weltpremiere. Beim renommierten chinesisch-sprachigen Golden Horse Film Festival ging der Film im November 2019 als großer Sieger hervor. Bereits am 24. Jänner 2020 wurde das taiwanesische Familiendrama bei Netflix veröffentlicht. Völlig unbemerkt schlummerte der nunmehrige Beitrag Taiwans für die Oscars 2021 monatelang vor sich hin. Scheinbar war man sich nicht einmal bei Netflix bewusst, was man da eingekauft hatte. Bis A Sun im Dezember 2020 auf einmal in den Listen der besten Filme des Jahres auftauchte (Im Branchenblatt Variety sogar an erster Stelle). Nun ist sie da, die große Aufmerksamkeit. Völlig verdient, denn wir haben es tatsächlich mit einem der besten Filme des Jahres zu tun.

Darum geht es

Der umtriebige A-Ho (Wu Chien-ho) stürmt zusammen mit seinem Kumpel Radish (Liu Klang-ting) in ein Lokal und dieser attackiert dort einen Mitschüler so schwer, dass dessen Hand im nächsten Augenblick in der Suppe schwimmt. Für den Fahrlehrer A-Wen (Chen Yi-wen), den Vater von A-Ho, kommt das nicht unerwartet. Er empfiehlt dem Richter sogar eine harte Gefängnisstrafe für seinen Sohn. Sein ganzer Stolz ist A-Hos Bruder A-Hao (Greg Hsu), ein erfolgreicher Studenten, dem eine vielversprechenden Zukunft bevor steht. Der wiederum leidet darunter, ständig im Zentrum zu stehen.

Während A-Ho im Gefängnis sitzt, taucht dessen schwangere Freundin Xiao-Yu (Apple Wu) auf. Die Probleme der Familie scheinen kein Ende zu nehmen. Qin, die Mutter von A-Ho (Samantha Ko), nimmt sich der jungen Frau an, trotz der Skepsis deren Familie. Kurz darauf folgt der nächste Schicksalsschlag für die Familie.

Nachdem A-Ho aus dem Gefängnis entlassen wird, versucht er ein neues Leben anzufangen. Als drei Jahre später Radish ebenso freikommt, holt in aber seine kriminelle Vergangenheit ein und die Familie wird nochmals auf die Probe gestellt. Eines Tages verschwindet Radish während einer gemeinsamen Gaunerei auf einmal spurlos.

A-Ho (Wu Chien-ho) mit seinem Vater A-Wen (Chen Yi-wen).

Kommentar

Es beginnt mit einem ziemlichen Schockmoment. Die ersten Minuten lassen vermuten, dass wir es mit einem Gangsterfilm zu tun haben. Der Eindruck täuscht, die Gangart ändert sich schon in der nächsten Szene. A Sun konzentriert sich auf eine Familie in Taipeh, die durch die Entscheidungen von zwei Brüdern plötzlich auseinandergerissen wird. Allerdings ist eines von Anfang an klar: man muss hier mit allem rechnen. Nach und nach treten die Geheimnisse der Charaktere zu Tage.

A Sun ist eine emotionale Achterbahnfahrt. Wie das Leben so spielt, folgen einem Schicksalsschlag komische Momente. Da ist zum Beispiel der Vater des Opfers, der sich plötzlich hinten ins Fahrschulauto setzt und eine Entschädigung einfordert und dann von A-Wen einfach irgendwo rausgeschmissen wird. Seine Rache wird alles andere als süß ausfallen. Und als A-Hao mit seiner Freundin durch den Park spaziert und sich wie zufällig ihre Hände berühren, kann man den Moment großen Glücks in ihrem Lächeln ablesen. Ganz natürlich gehört in diesem Drama dann auch Mord zum Leben dazu.

Die titelgebende Sonne ist A-Hao, Vorzeigestudent mit großem Herz. Der Stolz des Vaters setzt ihn unter Druck. Er möchte all dem Licht der Anerkennung entfliehen und sucht Zuflucht im Schatten. Es gelingt ihm nur nicht. Sein Bruder, der junge A-Ho durchschreitet den harten Weg der Selbstfindung, auch eine Folge der Ignoranz durch seinen Vaters. Regisseur Chung zeigt komplexe Charakterportraits, die auf ihres Weise glaubwürdig agieren. A Sun ist mit zweieinhalb Stunden lang aber clever konstruiert. Durchhalten lohnt sich. Selbst visuell hat A Sun einiges zu bieten (Hinter der Kamera: Regisseur Chung).

A Sun ging am zweiten Tag des Sundance Film Festivals online. Da hatte wahrlich niemand in den USA ein Auge drauf. Netflix hat es mehr den je dringend nötig, die Filmauswahl besser zu kuratieren. Die Benutzeroberfläche ist da gar keine Hilfe, ganz im Gegenteil. Es ist eine willkürliche Aneinanderreihung von sich ständig wiederholenden Filmen, die an der Spitze nichts verloren haben. Zumindest eine neue Sektion würde mit wenig Kostenaufwand eine große Wirkung entfalten, wie die Filmseite Indiewire schreibt. Wenn für den Streamingdienst Film mehr als nur eine Ware ist, sollte das schleunigst angegangen werden. Nun hat man aber nicht einmal die Gunst der Stunde genutzt, die der internationale Erfolg von Parasite mit sich brachte.

A SUN (OT: YÁNGGUÃNG PUZHÀO) | CHUNG MONG-HONG | TAIWAN 2019 | 155 MIN. | 4.5 out of 5 stars



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