Sound-of-Metal

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Was passiert, wenn man plötzlich sein Gehör verliert? In Sound of Metal trifft es einen Schlagzeuger, der von heute auf morgen nichts mehr hören kann und nicht in der Lage ist, sein Schicksal zu akzeptieren. Das Filmdrama von Darius Marder und sein Hauptdarsteller Riz Ahmed sind die Geheimtipps bei den diesjährigen Oscars. Kaum eine Geschichte hat uns in diesem Jahr mehr berühren können und war im Stande uns mit einem dramaturgisch ausgeklügelten Sounddesign derart in den Bann zu ziehen. Gestartet und ausgezeichnet auf dem Toronto International Filmfestival, landete der Film bedingt durch die Pandemie bereits nach wenigen Wochen im Angebot von Amazon Prime Video.

Darum geht es

Ruben (Ria Ahmed) und seine Freundin Lou (Olivia Cooke) bilden gemeinsam das Metal-Duo Blackgammon und Touren mit einem Wohnmobil durch die USA. Ihre Zweisamkeit wird jäh auseinandergerissen, als Ruben während eines Konzerts einen Gehörsturz erleidet. Heilung verspricht nur ein Implantat, das jedoch enorm teuer ist. Er möchte weitermachen wie bisher, doch Lou sieht die Gefahr, dass Ruben rückfällig werden könnte, da er sich gerade nach einer Drogenabhängigkeit auf Entzug befindet. Sein Therapeut empfiehlt eine ländliche Gemeinschaft, die sich genau solchen Menschen wie Ruben angenommen hat. Joe (Paul Raci) leitet die Einrichtung. Hier lautet die Devise, dass Taubheit kein Handicap ist. Joe versucht Ruben mit der Stille vertraut zu machen. Der lernt zwar die Zeichensprache, kann sich mit der Situation jedoch nicht abfinden. Er verkauft seinen ganzen Besitz um sich die Operation leisten zu können. Sehr zum Missfallen von Joe. Ruben passt nun nicht mehr in die Gemeinschaft und muss gehen. Als die Implantate aktiviert werden, ist es ein großer Schock für ihn. So hatte er sich das nicht vorgestellt.

Ruben (Riz Ahmed) in der schönsten Szenen von Sound of Metal.

Kommentar

Wenn es in jüngster Zeit einem Film gelungen ist, uns tatsächlich in die Gefühlswelt seines Protagonisten eintauchen zulassen, dann ist das Sound auf Metal. Wir sind nicht mehr bloß Beobachter, wenn Ruben plötzlich sein Gehör verliert, sondern können seine Verzweiflung spüren. Das ist zum einen dem großartigen Riz Ahmed zu verdanken, der uns scheinbar durch seine großen Augen in sein innerstes schauen lässt. Er muss sich dazu gar nicht viel artikulieren, alleine seine Blicke sagen alles.

Dann wäre noch das aussergewöhnliche Sounddesign von Nicolas Becker. Als Film über die Stille dreht uns Regisseur Darius Marder kurzerhand den Ton ab. Mehr als ein dumpfer Ton in der Ferne ist nicht mehr zu hören. Dazwischen kommt der Ton für uns zwar immer wieder zurück aber nur um im nächsten Moment wieder zu verschwinden und uns somit immer wieder damit konfrontiert. Als die Implantate aktiviert werden, ist das Ergebnis nicht nur für Ruben ein Schock, sondern genauso für uns. In der schönsten Szene sitzt Ruben am unteren Ende einer Rutsche beginnt auf das Blech zu trommeln. Ein ebenfalls gehörloser Bub am oberen Ende legt sein Ohr auf die Rutsche und lauscht dem dumpfen Klopfen. Es ist ein berührender und zugleich ungemein friedlicher Moment, den beiden zuzusehen, wie sie in eine für sie ferne Welt versinken.

Paul Raci spielt Joe, den Leiter der Gehörlosen Gemeinschaft. Der nahezu unbekannte Schauspieler wuchs in einer Familie von Gehörlosen auf und beherrscht die Gebärdensprache. Es ist eine glückliche Fügung, dass er nun gerade wegen seiner Fähigkeit für die Rolle in Sound of Metal ausgewählt wurde. Joe ist bereit Ruben aufzunehmen aber gleichzeitig drauf bedacht, das die Grundwerte der Einrichtung nicht verletzt werden: Gehörlosigkeit ist kein Handicap und ist nichts, was behandelt werden muss. Er tritt Ruben mit aller Strenge gegenüber und das kostet ihm vermutlich Sympathiewerte beim Publikum. Sein starrer, ausdrucksloser Blick ist schwer einzuschätzen. Erst während des letzten Aufeinandertreffen der Beiden wird klar, wie wichtig ihm seine Bewohner sind und wie sehr er durch die Entscheidung von Ruben verletzt ist. Ein starker Moment, der in Gedächtnis bleibt. Raci darf sich durchaus Chancen bei den Oscars ausrechnen.

Filme über Menschen mit Behinderung ziehen immer wieder Kritik auf sich. So kam in diesem Fall unter anderem von Bret Easton Ellis der Einwand, der Filme stelle Menschen mit Behinderung als Opfer dar. Viktimisierung kann man Sound of Metal aber wohl eher nicht vorwerfen. Paul Schrader kritisierte das Ende. Hier gehen die Meinungen auseinander. Eines ist aber klar: kalt lassen wird der Film niemanden und immerhin schafft er es, dass wir uns über das Gehörlossein Gedanken machen.

SOUND OF METAL | DARIUS MARDER | USA 2019 | 120 MIN. | 4.5 out of 5 stars


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