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Jetzt im Kino

Einmal mehr entpuppte sich das Sundance Film Festival im vergangenen so anderen Filmjahr 2020 mit The Father als ein Ort der hochqualitativen Kinounterhaltung. Das Regiedebüt des Autors Florian Zeller zeigt die beiden herausragenden Darsteller Anthony Hopkins und Olivia Coleman in einem herzzerreißenden Kammerspiel. Der Film führt uns in ein Labyrinth, aus dem es kein Entkommen zu scheinen gibt. Zumindest nicht für den von Hopkins gespielten schwer demenzkranken Protagonisten. Großes Kino.. Das Drama war 2021 gleich 6-fach mit einem Oscar nominiert. Zeller wurde gemeinsam mit Christopher Hampton für das Drehbuch ausgezeichnet. Anthony Hopkins wurde daheim spät Nachts mit seinem nach 1992 zweiten Oscar als Hauptdarsteller überrascht.

Darum geht es

Anthony (Anthony Hopkins) lebt bei seiner Tochter Anne (Olivia Coleman) in einer Londoner Wohnung. Sie plant die Stadt zu verlassen. Er ist gezeichnet von einer Demenzkrankheit und so sucht die Tochter für ihren Vater eine Betreuung. Gerade erst hat eine Pflegerin die Flucht ergriffen. Der Umgang mit Anthony ist für alle eine Herausforderung. Nicht zuletzt ist es auch für ihn selbst eine enorme Belastung, da er die Kontrolle über sein eigenes Leben längst verloren hat.

Anthony zeigt sich gegenüber seiner neuen Betreuerin von seiner besten Seite.

Kommentar

The Father basiert auf dem gleichnamigen Bühnenstück des französischen Autors Florian Zeller. Seit dessen Uraufführung im Jahr 2012 feiert das Stück weltweit Erfolge und wurde 2015 bereits von Philippe Le Guay einmal unter dem Titel Floride mit Jean Rocheford (es war sein letzter Auftritt vor seinem Tod 2017) und Sandrine Kiberlain in den Hauptrollen verfilmt.

Es mag viele Zugänge geben, wie man sich einer Krankheit wie der Demenz im Film annähert. Zuletzt bekam Julianne Moore im Jahr 2015 für ihre Darstellung einer Demenzkranken in Still Alice – Mein Leben ohne Gestern (2014) den Oscar für die Beste Hauptrolle. Zeller (Drehbuch mit Christopher Hampton) wählt einen völlig anderen Zugang. The Father hat seinen geistigen Verwandten wohl eher in Michael Hanekes ebenfalls Oscar-prämierten Film Liebe (2012) über das Altern mit Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva.

Zeller zieht alle Register, die das Medium Film in den Bereichen Schnitt und Setdesign zu bieten hat, um uns schon nach wenigen Minuten in die Irre zu führen. Für einen Moment glaubt man sich in einem klaustrophobischen Horrorfilm verlaufen zu haben. Die Wandfarbe, die Bilder und die Kücheneinrichtung schaffen Verunsicherung. Die Londoner Wohnung, in der der Film fast ausschließlich spielt, scheint ein Eigenleben zu haben. Und erst die Menschen darin! Hier ist große Aufmerksamkeit gefragt.

Anthony ist unser Bezugspunkt und wir sehen die Dinge mit seinen Augen. Wir befinden uns in seiner Wohnung und wenn seltsames passiert, zweifeln wir nicht an dem, was wir sehen. Das ist Zellers großer Clou. Ohne dass wir es bemerkt haben, befinden wir uns in Anthonys Kopf. Zeit und Raum folgen hier anderen Gesetzen. Unzählige Male sucht Anthony seine Armbanduhr. Solange er sie trägt, gibt ihm die Zeit einen, wenn nicht den einzigen Orientierungspunkt. Gemeinsam mit ihm werden wir immer hilfloser. Gerade als wir glauben uns auszukennen, schlägt der Film einen neuen Haken.

Die ganze Kraft schöpft der Film aus Anthony Hopkins‘ und Olivia Colemans grandiosen schauspielerischen Leistungen. Auf eine unterschiedliche Art und Weise sind beide von Verzweiflung gezeichnet. Anne, weil sie mit ihrem Vater nicht mehr fertig wird und Anthony, da ihm seine Krankheit gar nicht bewusst ist und er sich vieles einfach nicht mehr erklären kann. Der Schluss ist so niederschmetternd, wie das Leben nur sein kann. In gewisser Weise beschreibt es den Kreislauf eines Menschenlebens. Hilflos werden wir in die Welt geboren und hilflos sind wir, wenn uns Alter und Krankheit einholen.

The Father

Drama, UK 2020
Regie
 Florian Zeller
Drehbuch Christopher Hampton, Florian Zeller (Nach dem eigenen Bühnenstück)
Kamera Ben Smithard
Schnitt Yorgos Lamprinos
Musik Ludovico Einaudi
Mit Anthony Hopkins, Olivia Coleman,
Länge 98 Min.


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