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Italien ist für uns alle ein Sehnsuchtsort. Die Italiener mögen wir. Mit Einschränkungen. Die meisten anderen Menschen aus dem Süden bekanntlich eher nicht. Die Sprache. Das Meer. Das Essen. Das Temperament. Den Fußball. Und die Filme. Paolo Sorrentino blickt in der autobiographische Tragikomödie Die Hand Gottes auf seine eigene Jugend in Neapel zurück. Dabei nimmt er Bezug auf das italienische Kino der damaligen Zeit, ganz ohne nostalgische Verklärung. Für den Regisseur ist es laut eigenen Aussagen sein bisher persönlichster und intimster Film. Daher gilt er für viele als sein bisher persönlichster Film. Ein außerordentlich Unterhaltsamer ist er in jedem Fall. Bei den Filmfestspielen von Venedig gewann Sorrentino den Silbernen Löwen (Großer Preis der Jury). 

Darum geht es

Neapel in den 1980er Jahren. Fabietto (Filippo Scotti) steht als jüngstes von drei Geschwistern inmitten seiner exzentrischen Großfamilie etwas auf verlorenem Posten. Der Vater (Toni Servillo) ist Bankdirektor, die Mutter (Teresa Saponangelo) Hausfrau. Die Schwester verbringt die meiste Zeit im Bad. Man bekommt sie kaum zu Gesicht. Mit dem Bruder (Marlon Joubert) teilt er sich ein Zimmer und geht einmal mit ihm zu einem Casting für Fellinis nächsten Film. Zu Tante Patrizia (Luisa Ranieri) fühlen sich alle Männer hingezogen. Auch jene in der Familie.

Bekanntschaften mit einem Filmregisseur und einem Schmuggler eröffnen Fabietto, der kurz vor dem Studium steht, neue Horizonte. Als Diego Maradona vom SSC Neapel verpflichtet wird, bekommt er als großer Fan des Vereins von seinem Vater eine Dauerkarte geschenkt. Es sollte sich als schicksalhaftes Geschenk herausstellen, das sein Leben verändern wird.

Ulrich Seidl läßt grüßen (Filippo Scotti, Teresa Saponangelo, Marlon Joubert und Toni Servillo. Foto von Gianni Fiorito).

Kommentar

Auch wenn uns Paolo Sorrentino seine eigene Vergangenheit auf eine witzige und äußerst skurrile Art und Weise näher bringt, ist es für sein Alter Ego Fabietto doch eine traumatische Jugendzeit. Pubertären Verwirrungen und der Leidenschaft zum Fußball, die ihren Höhepunkt in der Verpflichtung von Diego Maradona in der Saison 1984/85 erreichte, sind das eine. Für die Menschen in Neapel war damit die Hoffnung verbunden im Fußball mit dem reichen Norden mithalten zu können. Zwei Jahre später konnte der SSC Neapel dann tatsächlich seinen ersten Meistertitel feiern.

Auf der anderen Seite ist da die Orientierungslosigkeit. Theater und Film üben bereits eine gewisse Faszination auf ihn aus. Fabietto stellt sich der Frage, ob dafür Neapel nicht der falsch Platz ist. Die Hauptstadt lockt. Trotzdem dreht Federico Fellini gerade in Neapel und der Regisseur Antonio Capuano imponiert Fabietto mit seiner fast schon aggressiven Art und Weise, Kunst und Künstler herauszufordern. Er meint, die Geschichten liegen vor uns. Dafür muss man nicht nach Rom reisen.

In der ersten Hälfte bekommt die Familie den größten Raum. Hinter all den Übertreibungen kann man den wahren Kern der Figuren erahnen: die Späße der Mutter und ihr liebevolles aber auch angespanntes Verhältnis zum Vater, die exzentrische Großmutter oder die attraktive kinderlose Tante Patrizia. Dann aber kommt der Schicksalsschlag und der Film schlägt eine andere Richtung ein. Fabietto muss auf einemmal schneller erwachsen werden. Große Lebensentscheidungen stehen unmittelbar bevor. Der Humor tritt in den Hintergrund.

Sorrentino Hang zu Skurrilitäten, wie in der grandiosen Eröffnungssequenz (Wer kann da schon erahnen, mit was für einem Film man es zu tun hat. Bei der Viennale herrschte Stille im vollen Saal. Interessant zu sehen, wenn das Publikum einen Film nicht gleich einordnen kann), bereitet großen Spaß. Er verdichtet eine coming-of-age Geschichte auf einen sehr kurzen Zeitraum, genau rund um ein einschneidendes Ereignis, dass für ihn sein ganzes Leben verändert hat. Allerdings findet er zu keinem Schluss. Ein oder zwei Mal glaubt man ihn zu erahnen aber der Film breitet sich auf einer Länge von 130 Minuten aus. Zumal der Film da schon einiges vom anfänglichen Esprit eingebüßt hat.

Die Hand Gottes (OT: È stata la mano di Dio)
Tragikomödie, IT 2021

Regie Paolo Sorrentino
Drehbuch Paolo Sorrentino
Kamera Daria D’Antonio
Schnitt Cristiano Travaglioli
Musik Lele Marchitelli
Mit Filippo Scotti, Toni Servillo, Teresa Soponangelo, Marlon Jaubert, uvva.
Länge 130 Min.
Streamingplattform
Netflix


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