The-Lost-Daughter-3

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Man könnte meinen, in unserer aufgeklärten Gesellschaft gäbe es keine Tabus mehr. Maggie Gyllenhaal belehrt uns in ihrem Regiedebüt eines besseren. Worum es in der Romanverfilmung Frau im Dunkeln – im Original The Lost Daughter – eigentlich geht, bleibt tatsächlich lange im Dunkeln. Gyllenhaal fesselt uns aber von der ersten Minute an. Dank zweier grandioser Hauptdarstellerinnen und einem wunderbaren Team hinter der Kamera.

Darum geht es

Die Literaturwissenschaftlerin Leda (Olivia Coleman) verbringt alleine einen Arbeitsurlaub in Griechenland. Sie genießt es, dass sie von ihrem älteren Vermieter Lyle (Ed Harris) und auch vom jüngeren Will (Paul Mescal), der in der Strandbar arbeitet, begehrt wird. Die Ruhe am Strand wird bald von einer griechisch-amerikanischen Großfamilie gestört. Nina (Dakota Johnson), eine junge Mutter, scheint Leda an ihre eigene Vergangenheit zu erinnern. Die ersten Begegnungen verlaufen nicht spannungsfrei. Leda fühlt sich gestört. Dann wird am Strand plötzlich Ninas kleine Tochter Elena vermisst.

In Rückblenden erfahren wir nach und nach, was sich hinter der immer wieder seltsam agierenden Leda verbirgt. In jungen Jahren (in den Rückblenden gespielt von Jessie Buckley) traf sie eine schockierende Entscheidung, für die man als Außenstehender im ersten Moment nur wenig Verständnis aufbringen kann.

Jessie Buckley spielt die junge Leda Caruso

Kommentar

Die allererste Szene deutet an, dass uns in den kommenden zwei Stunden einiges erwarten wird. Die darauffolgende Sequenz bricht sofort mit der gerade provozierten Erwartungshaltung. Leda fährt voller Urlaubsstimmung zur wunderbaren Musik von Dickon Hinchliffe die Küste entlang. Sie bezieht ein schönes Appartement und genießt die Ruhe am Strand. Maggie Gyllenhaal lässt uns sehr lange zappeln. Manche Handlungen Ledas machen uns misstrauisch. Was hat sie zu verheimlichen?

Frau im Dunkeln baut eine Spannung auf, obwohl lange vordergründig nicht viel passieren mag. Obwohl der Rahmen der Handlung vertraut zu sein scheint, wird über Ledas Beobachtungen aus der Entfernung und ihre Blicke ein beklemmendes Gefühl in uns hervorgerufen. Es ist klar, dass uns hier etwas verborgen bleibt. Bis Rückblenden einsetzen. Wir sehen Leda, die sehr jung zweifacher Mutter geworden ist. Erfüllung geben ihr aber nicht ihre zwei Töchter, sondern ihre Arbeit. Mehr sei hier zum Inhalt nicht verraten. Außerdem: Es ist Leda, die sich erinnert. Können wir ihr überhaupt trauen?

Was uns Gyllenhaal nach der Kurzgeschichte von Elena Ferrante auftischt, ist reich an Metaphern und feinen Zwischentönen aber auch Irritationen. Leda ist ein komplexer Charakter, wie ihn wohl nur wenige Schauspielerinnen so nuanciert spielen können wie derzeit Olivia Coleman, deren Stärke in kleinen Gesten liegt. Dabei muss man ihr jüngeres Ich Jessie Buckley in einem Atemzug nennen. Buckley ist so gesehen die große Überraschung des Films.

Die Geschichte kann eine erschütternde und schmerzhafte Erfahrung sein. Gyllenhaal erklärt nicht, was Leda antreibt. Vieles bleibt ungewiss. Genau das regt uns aber zum Nachdenken an. Frau im Dunkeln ist ein psychologischer Thriller. Mysteriös und aufreibend. Ein Film des Jahres und ein Triumph für Maggie Gyllenhaal..

Frau im Dunkeln (OT: The Lost Daughter)
Drama, USA 2021

Regie Maggie Gyllenhaal
Drehbuch Maggie Gyllenhaal
Kamera Hélène Louvart
Schnitt Alfonso Gonçalves
Musik Dickon Hinchliffe
Mit Olivia Coleman, Jessie Buckley, Dakota Johnson, Ed Harris
Länge 121 Min.
Streamingplattform
Netflix


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