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Im Kino

Zweifelsohne: das Kino hat in den letzten Jahren schwer gelitten. Zum wiederholten Mal wurden bereits die Stimmen zum Requiem angehoben. Ganz so schnell geht das dann aber doch nicht. Natürlich hängt es mit dem Angebot – und dem Zeitpunkt – zusammen, wenn die Branche sich in diesen Frühjahr neuerlich aufbäumt. Was im vergangenen Jahr missglückt ist, scheint nun gut zu werden. Wie lässt sich das Kino besser feiern, als mit einem Film, der alles in sich vereint, wofür das Medium steht. Dem Regieduo Dan Kwan und Daniel Scheinert ist mit ihrem Ideenfeuerwerk Everything Everywhere All At Once genau das gelungen.

Darum geht es

Evelyn Quan Wang (Michelle Yeoh) betreibt mit ihrem Ehemann Waymond (Ke Huy Quan) einen Waschsalon. Gerade macht ihr eine anstehende Steuerprüfung zu schaffen. Große Geschäftsleute sind die beiden aus China zugewanderten nicht. Das Chinesische Neujahr steht an, ihr Vater Gong Gong (James Hong) ist gerade aus China zu Besuch und mit der Tochter Joy läuft es alles andere als Rund. Evelyn kritisiert sie ständig und hat so ihre Probleme damit, dass Joy (Stephanie Hsu) eine Freundin hat.

Auf dem Weg zur Behörde, übernimmt plötzlich Alpha Waymond für kurze Zeit die Kontrolle über Waymond. Er ist eine Version seiner selbst aus dem Paralleluniversum Alphaverse. Die Universen seien in Gefahr und Evelyn, also diese Version von ihr, scheint die letzte Rettung zu sein. Das Gespräch mit der Beamtin Deirdre Beaubeirdre (Jamie Lee Curtis) gerät zum Fiasko. Immer mehr geraten die Paralleluniversen durcheinander.

Im Alphaverse hat nämlich Jobu Tupaki die Kontrolle übernommen. Sie kann sich frei in allen Universen bewegen und möchte sie zerstören. Und das hat auch etwas mit Evelyn zu tun.

Evelyn (Michelle Yeoh) gerinnt ihr Leben durch die Finger.

Kommentar

Jede auch scheinbar noch so unbedeutende Entscheidung in unserem Leben hat Einfluß auf unser zukünftiges Leben. Auf dieser Idee beruht Everything Everywhere All At Once. Parallel zu unserer Welt existieren nun Universen, in denen wir dort und da andere Entscheidungen getroffen haben. Im Alpha Universum hat man einen Weg gefunden, zwischen den Universen zu reisen und vorübergehend die Kontrolle über die Körper der anderen Ichs zu übernehmen.

Im Falle von Evelyn sind die alternativen Leben Träume, die sie nie verwirklicht und Chancen, die sie nie genutzt hat. Genau darin schlummert aber wiederum ihr größtes Potential. Denn solange man träumt, ist alles möglich.

Was da in über zwei Stunden auf uns hereinbricht, ist eine rasante Achterbahnfahrt. Schnell, nicht immer ganz übersichtlich aber vor allem auch witzig. Da werden Genres im Sekundentakt gewechselt. Filmzitat folgt Filmzitat. Dan Kwan und Daniel Scheinert (Swiss Army Man) haben ihr Drehbuch sehr vollgepackt. Das kann zeitweise recht anstrengend sein. Es zahlt sich aber aus, durchzuhalten. Man wird mit zahlreichen skurrilen Ideen belohnt.

In all dem Chaos hält Michelle Yeohs Evelyn alles zusammen. An ihr können wir uns festhalten. Sie glänzt sowohl in den Martial Arts Sequenzen als auch in den Komödiantischen. Es ist bisher die herausragendste schauspielerische Leistung in diesem Jahr. Genauso viel Spielfreude zeigt Jamie Lee Curtis neben ihr in ihrer schrägen Rolle als Beamtin.

Im Grunde verbirgt sich im Hintergrund eine banale, fast kitschige Familiengeschichte. Das wird vor allem gegen Ende deutlich. Das tut dem hohen Unterhaltungswert aber keinen Abbruch. Wenn Everything Everywhere All At Once nicht das Schicksal eines früh im Jahr gestarteten Filmes blüht, ist es gut möglich, dass er bei den Oscars 2023 Berücksichtigung findet. Keine große Überraschung wären zumindest Nominierungen für die DarstellerInnen und das Drehbuch. Es wäre aber nicht zum ersten Mal, dass die Academy einen außergewöhnlichen Film völlig ignoriert.

Everything Everywhere All At Once
Science Fiction , USA 2021

Regie Dan Kwan, Daniel Scheinert
Drehbuch Dan Kwan, Daniel Scheinert
Kamera Larkin Seiple
Schnitt Paul Rogers
Musik Son Lux
Mit Michelle Yeoh, Ke Hui Quan, James Hong, Jamie Lee Curtis, Stephanie Hsu
Länge 140 Min.
Im Kino


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