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Zwischenmenschliche Beziehungen sind bei Miranda July nichts weniger als bizarr. Bei ihrem erst dritten Spielfilm Kajillionaire ist das nicht anders. In den Filmen der vielseitigen Künstlerin sind die Einflüsse aus anderen Kunstrichtungen stets spürbar. Wir tauchen ein in die gar seltsam pastellfarbene Welt einer Familie von Kleinkriminellen. Sich auf Julys Filme einzulassen ist zugegeben für viele ein Wagnis und es ist nicht das, was wir gewohnterweise vorgesetzt bekommen. Die Regisseurin kombiniert die Absurdität aber mit Ironie und Witz. Das erleichtert den Zugang nicht nur, sondern unterhält uns bestens.

Darum geht es

Eine Familie, bestehend aus Vater Robert (Richards Jenkins), Mutter Theresa (Debra Winger) und deren Tochter Old Dolio (Evas Rachel Wood) schlägt sich als betrügerisches Trio durchs Leben. Das Verhältnis zueinander ist gelinde gesagt distanziert und nicht nur die Tochter hochgradig verhaltensgestört. Von Kind auf kennt sie nichts anderes, als das Überleben durch Gaunereien. Als sie eine Fluglinie hereinlegen wollen, um ihre Mietrückstände zu begleichen, gesellt sich Melanie (Gina Rodriguez) zur Familie und stell deren Leben auf den Kopf, natürlich ausgehend von einer an sich schon mehr als schrägen Konstellation. Old Dolio erhofft sich von Melanie jene Liebe und Zuneigung, die sie von ihrer Familie nie bekommen hat. Die Eltern versprechen sich zu bessern aber kann sie ihnen überhaupt je vertrauen?

Kommentar

Ein Überfall auf eine Postfiliale gleich zu Beginn trägt starke Züge von Perfomancekunst und gibt einen ironischen Ton vor. Old Dolio wird von ihren Eltern bloß als Mitarbeiterin angesehen. Die schlaksige junge Frau mit den etwas-zu-langen Haaren ist von Traurigkeit gezeichnet. Wer kann es ihr verdenken. Trotz Armut, dem Fehlen von menschlicher Zuneigung und einem trostlosen kalifornischen Industrieviertel ist Kajillionaire aber äußerst unterhaltsam.

Die Familie wohnt in einem an eine Seifenfabrik angrenzenden Büro. Das große Extra dieser ungewöhnlichen Unterkunft ist Seifenschaum, der von Zeit zu Zeit durch die Wand aus der Fabrik herüberdrückt. In Kajillionaire befinden wir uns nicht in einer realen Welt, sondern vielmehr in einer wie sie aussehen könnte oder im Kopf von Regisseurin Miranda July eben aussieht. Robert und Theresa haben jeglichem Besitz abgeschworen, streben nicht nach Wohlstand und wollen sich schon gar nicht mit einem regulären Arbeitsverhältnis belasten. Es ist beinahe eine Art Kult.

Doch im Kern geht es abseits der ganzen Skurrilitäten um die Sehnsucht danach geliebt zu werden. July verpasst der Geschichte schlicht eine schräge Verpackung. Verhalten, das auf den ersten Blick seltsam erscheinen mag, ist die Folge von fehlender Zuneigung. Kajillioniare zeigt, dass es sich lohnt einen Blick hinter die Fassade zu werfen. Sie verstellt meist nur den Blick auf das Wesentliche.

Dieser Text ist nach einer Vorstellung im Rahmen der Viennale 2020 entstanden.

Kajillionaire

Drama, USA 2020
Regie
 Miranda July
Drehbuch Miranda July
Kamera Sebastian Winterø
Schnitt Jennifer Vecchiarello
Musik Emile Mosseri
Mit Evan Rachel Wood, Debra Winger, Richard Jenkins, Gina Rodriguez
Länge 105 Min.
Streamingdienst Amazon


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