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Es hätte der künstlerische Erfolg von Netflix in dieser Saison werden sollen: Malcolm & Marie von Sam Levinson mit Zendaya und John David Washington in den Hauptrollen. Ein Drama gedreht auf 35mm in betörend schönen Schwarzweißbildern. Doch dann kam alles anders. Die Resonanz war sehr durchwachsen. Mal wurde der visuelle Stil gelobt, dann die schauspielerischen Leistungen. Gleichzeitig wurde das Beziehungsdrama regelrecht seziert: Die Dialoge seien zu konstruiert und Levinson mit seiner kritischen Auseinandersetzung von weißer Filmkritik sich selbst in die Falle getappt. Aber kann man unter solchen Grundvoraussetzungen, mit diesen zwei Schauspielern und diesem Set überhaupt etwas falsch machen?

Darum geht es

Der Regisseur Malcolm (John David Washington) und die Schauspielerin Marie (Zendaya) kommen von einer Filmpremiere nach Hause. Es war sein großer Abend, die Premiere ein voller Erfolg. Er ist noch immer emotional aufgewühlt und steckt voller Euphorie. Doch Marie kann die Freude nicht teilen und wirkt genervt. Etwas ist vorgefallen an diesem Abend, dass sie innerlich aufgewühlt hat und ihre Beziehung auf die Probe stellt. In dieser Nacht entladen sich zwischen den beiden aufgestaute Gefühle und sie lassen ihren Emotionen freien Lauf.

Kommentar

Vorweg: Malcolm & Marie ist ein visuelles Gustostück. Gedreht wurde im Caterpillar House in Carmel, Kalifornien, einem Bungalow aus Glas mitten in unberührter Natur. Das ist natürlich eine Spielwiese für Kameramann Marcell Rév. Gleich zu Beginn, nach einer Eröffnung, die an den Film Noir erinnert, gleitet die Kamera minutenlang außen vor der Fensterfront hin und her und verfolgt Malclom durch das Haus. Es zählt zu den Großen stärken des Filmes, einen Stoff, der offensichtlich auch auf einer Theaterbühne gut aufgehoben wäre, eine kinematische Note zu verpassen, die eine reine Freude ist und gleichzeitig Spannung zu erzeugen vermag.

Der Rhythmus des Filmes ist durch das ständige hin und er der Auseinandersetzung zwischen den Beiden vorgeben. Mal gewinnt Malcolm die Oberhand und dann wieder Marie. Das wirkt an sich schon sehr konstruiert. Die eindringlichen Monologe sind regelrechte Anklagen, die man in der Realität einmal aushalten muss. Dabei wird Zwischenmenschliches auf eine höhere Ebene geholt. Es geht um die künstlerische Arbeit von Malcolm, die stark durch die Beziehung zu Marie beeinflusst ist und um Kritik an Kunstwerken an sich und über stereotype Zuschreibungen. Ein schwarzer Filmemacher wird mit anderen schwarzen Filmemachern verglichen, weil er schwarze Filme macht. Kunstkritik ist ein spannendes Feld. Meist urteilen Menschen über eine kreative Arbeit, die selbst nie einen kreativen Prozess durchgemacht haben (wenn man vom Schreiben selbst als einen solchen absieht). Nun geht es im Film um eine Filmkritikerin der L.A. Times, die Malcolms Film scharf kritisiert hat, was ihn in Rage bringt. Sie ist eine reale Person und hat dies in der Vergangenheit schon einmal mit einem Film von Levinson getan. Davon kann man halten was man will.

Einige haben sich daran gestört, dass dieser Diskurs nun gerade von einem weißen Regisseur thematisiert wird, der schwarze Darsteller inszeniert. Aber bereits da beisst sich die Katze in den Schwanz. Gibt es nun eine Trennung von schwarzer und weißer Kunst? Die eigene Sozialisation wird im Schaffen immer eine gewisse Rolle spielen, genauso wie das eigene Geschlecht. Das ist aber eine Diskussion, mit der man sich bei Malcolm & Marie erst gar nicht lange aufhalten muss.

Viel interessanter ist, wie hier Geschlechterrollen inszeniert werden und ob dieses Kammerspiel überhaupt einen Funken von Authentizität in sich birgt. Zendaya hat, so wie Washington, den Film mitproduziert und inszeniert sich quasi selbst als Verkörperung der puren Sexiness. Die Eleganz, die sie dabei ausstrahlt, sucht ihresgleichen. Nicht nur hier werden Anleihen von den goldenen Zeiten Hollywoods oder dem italienischen Kinos eines Antonioni genommen. Während sie sich immer mehr ihrer Kleider entledigt und sich um ein Uhr in der Nacht in der Badewanne eine Standpauke von Malcom anhören lassen muss, behält er Hemd und Krawatte fast die gesamte Spielzeit über an. Gleichzeitig kommt so etwas wie Intimität nie richtig auf. Liegt es am Glasbau oder an den Dialogen, bei denen immer eine Metaebene im Spiel ist?

Als reines Beziehungsdrama taugt der Film mitnichten. Dafür sind die rund 100 Minuten viel zu sehr beladen mit schwülstigen Dialogen und ständig scheint es um alles zu gehen: um die Rolle der Frau in einer Beziehung, um das Schwarzsein an sich und eben wie andere vermeintlich nicht-weiße darauf reflektieren. Vielleicht ist das aber auch ein ganz normaler Abend unter – schwarzen – Hollywoodstars. Wer weiß.

Selbst wenn die Figur Malcolm diese Interpretation für seinen Film ablehnt, ganz unpolitisch ist diese Auseinandersetzung nicht. Er hat schon recht: ist es überhaupt möglich, einen Film über Identität, Geschlechterrollen und vor allem rassistisch konnotierten Problematiken zu machen, ohne politisch zu werden?

Die völlige Abwesenheit von jeglichem Humor verleiht Malcolm & Marie jedenfalls eine Ernsthaftigkeit, die dem Film nicht gut tut. Man bekommt den Eindruck, der Film möchte mehr sein, als er eigentlich ist. Als rufe er: schaut her, wie schön ich bin und was sich alles in mir verbirgt. Am Ende ist er genauso durchdesignt wie das Haus, in dem er spielt. Trotz wunderbarer schauspielerischer Leistungen fällt es schwer, diese zwischenmenschliche Beziehung nachzuvollziehen. Es fühlt sich einfach nicht echt an.

Malcolm & Marie

Drama, USA 2021
Regie
 Sam Levinson
Drehbuch Sam Levinson
Kamera Marcell Rév
Schnitt Julio Perez
Musik Labrinth
Mit Zendaya, John David Washington
Länge 106 Min.
Streamingdienst Netflix


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