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Vier Jahre nach Guillermo del Toros größtem Triumph The Shape of Water kehrt der Regisseur mit dem Thriller Nightmare Alley in die Kinos zurück. Ein großartiges Ensemble, allen voran Bradley Cooper und Cate Blanchett, führt uns in die Welt der schaurigen Jahrmärkte der ausgehende 1930 Jahre. Zumindest in der ersten Stunde. Dann geht der Film andere Wege. Del Toro bedient sich vor allem mit seinen Charakteren beim Film noir. Wer die zweieinhalb Stunden durchhält (im Kino stellt sich diese Frage wohl weniger, ab März läuft der Film bei Disney+), wird in der letzten Minute mit einem Ende überrascht, das unter die Haut geht.

Darum geht es

Stanton „Stan“ Carlisle (Bradley Cooper) möchte seine Vergangenheit hinter sich lassen und schließt sich einem fahrenden Jahrmarkt an. Clem (Willem Defoe), der Besitzer eines Geeks, gibt ihm vorerst als Helfer Arbeit. Stans Interesse gilt aber bald Zeena (Toni Collette) und Peter (David Strathaim), die auf dem Jahrmarkt mit Wahrsagerei ihr Geld verdienen. Er eignet sich ihre Tricks an und entpuppt sich bald als Unterhaltungstalent. Molly (Rooney Mara), die sich in ihrem Auftritt immer wieder unter Strom setzen läßt, macht er schöne Augen. Stan überzeugt Molly, ihr Glück zu zweit abseits des Jahrmarkts zu versuchen.

Nach einem Zeitsprung von zwei Jahren sieht man die beiden in vornehmerer Umgebung New Yorks als Wahrsager-Duo. Bei einem Auftritt lernen sie die Psychologin Dr. Ritter (Cate Blanchett) kennen. Sie ist sich bewusst, dass die beiden Betrüger sind. Da Dr. Ritter aber intime Tonbandaufnahmen der New Yorker High Society hat, wittert sie eine Geschäftsidee. Molly wendet sich wenig begeistert ab aber Stan lässt sich auf ein gefährliches Spiel ein.

Die Sets von Nightmare Alley sind richtige Kunstwerke (Hier Cate Blanchett und Bradley Cooper in der Praxis von Dr. Ritter).

Kommentar

Es ist die zweite Verfilmung des gleichnamigen Romans von William Lindsay Gresham aus dem Jahr 1946. Die Erstverfilmung ist bei uns unter dem Namen Der Scharlatan (Edmund Goulding, 1947. Mit Tyrone Power) bekannt und zur Zeit leider auf keiner Streamingplattform verfügbar. Der deutsche Titel verrät weit mehr darüber, womit wir es hier zu tun haben. Guillermo del Toro hat ein paar entscheidende inhaltliche Veränderungen vorgenommen und hält sich mehr an die Romanvorlage. Damalige Veränderungen waren wohl der Selbstzensur geschuldet. Es ist vor allem die letzte Szene, die noch lange in Erinnerung bleiben wird und ein regelrechtes Kopfkino in uns zum Laufen bringt.

Nightmare Alley spielt genau zum Beginn der Hochblüte des Film noir. In der visuellen Umsetzung orientiert sich del Toro allerdings weniger an den legendären Vorbildern. Es sind vielmehr die Thematik und die Figuren, die typisch für dieses Genre sind. Wir tauchen ein in eine Welt von Betrug und Mord. Die Protagonisten sind prototypische Antihelden, moralisch fragwürdige, gescheiterte Charaktere. Cate Blanchett gibt in ihrer grandiosen Darstellung die Femme fatale. Die typische Kameraführung und auch die harten schwarzweiß Kontraste gibt es hier nicht (Wobei unter dem Titel Nightmare Alley: Vision in Darkness and Light eine schwarzweiß Version veröffentlicht wurde.)

Besonders im Gedächtnis bleibt die erste Stunde auf dem Jahrmarkt. Man spürt den Moder und die Feuchtigkeit, glaubt die Alkoholfahnen riechen zu können. Del Toro und seine Setdesigner schaffen ein sehr immersives Erlebnis. Der Jahrmarkt ist nicht superartifiziell und nicht (vielleicht nur auf den ersten Blick) perfekt designt wie der Look von The Shape of Water, sondern erdiger und schmutziger. Die Aussenseiter und gescheiterten Figuren schaffen eine Unbehaglichkeit, die einem Kuriositätenkabinett gerecht werden, das vor dem Schlimmsten nicht zurückschreckt. Leider werden fast alle Charaktere in der Mitte des Filmes fallengelassen. Der Jahrmarkt weicht einer Art Deco Kulisse.

Im Zentrum des Jahrmarktes steht ein Geek. Geistig beeinträchtigte und gebrochene Menschen in Käfigen bissen vor Publikum Tieren den Kopf ab und wurden als Wilde vermarktet. Meist waren es Landstreicher, die gegen Kost und Logis ein elendes Dasein fristeten. Durch Opium wurden sie gehörig gemacht und am Ende wie Müll entsorgt. Es zählte allein die Sensationsgier der Menschen, die für ein paar Cent einen Blick auf ein Stück Elend werfen konnten.

Del Toros Detailverliebtheit spürt man an allen Ecken und Enden. Bradley Coopers Charisma hat auf uns die selbe Wirkung wie auf jene, die im Film seinen Täuschungen unterliegen. Willem Dafoe ist in seinem Element und hat sichtlich Freude daran, mit seinem Charakter in menschliche Abgründe abzutauchen. David Strathaim bleibt uns nach Nomadland neuerlich mit einer kleinen feinen Rolle im Gedächtnis. Rooney Maras Molly ist zwar die einzige Figur, die wir neben Stan fast den gesamten Film hindurch begleiten. Im zweiten Teil ist sie aber kaum mehr als Beiwerk.

Nightmare Alley lässt sich sehr viel Zeit für die Entwicklung der Charaktere. Nach einer starken Einführung in den Jahrmarkt gelingt es aber kaum, die Spannung für eine so lange Zeit zu halten. Da fällt vor allem der Antiheld als Protagonist ins Gewicht, genauso wie die artifizielle Ästhetik in der zweiten Hälfte. Keine Frage aber, der Film ist eine technisch starke Arbeit mit großartigen Darstellern und einer unvorhersehbaren Handlung, die es verdient gesehen zu werden.

Jetzt im Kino und ab März bei Disney+


Nightmare Alley
Drama, USA 2021

Regie Guillermo del Toro
Drehbuch Guillermo del Toro, Kim Morgan
Kamera Dan Laustsen
Schnitt Cam McLauchlin
Musik Nathan Johnson
Mit Bradley Cooper, Rooney Mara, Willem Dafoe, Cate Blanchett, Toni Collette, David Strathaim, Richard Jenkins, Ron Perlman
Länge
150 Min.


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