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Bis 28. April verfügbar auf der Seite des

goEast> Filmfestival

Es gilt als das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit dem 2. Weltkrieg. 2020 jährte sich das Massaker von Srebrenica zum 25. Mal. Die Regisseurin Jasmila Žbanić zeigt die Tage rund um das Massaker aus der Perspektive der Lehrerin und Dolmetscherin Aida. Die internationale Koproduktion mit der Beteiligung von coop99 und dem Film und Fernsehabkommen des ORF wurde auch vom Filmfonds Wien unterstützt. Quo Vadis, Aida? lief im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Venedig und ist bei den Oscars 2021 als Bester Fremdsprachiger Film nominiert. Polyfilm bringt den Film voraussichtlich kommenden Sommer in die österreichischen Kinos.

Darum geht es

Es ist Juli 1995. Der Krieg am Balkan dauert nun schon über drei Jahre an. Die bosnisch-serbische Armee hat die Kontrolle über die Republik Bosnien und Herzegowina übernommen. Es sind die Tage und Stunden vor dem Massaker von Srebrenica, bei dem über 8000 Bosniaken ermordet wurden. Das Verbrechen wurde unter der Führung von Ratko Mladić von der Armee der Republika Srpska, der Polizei und serbischen Paramilitärs verübt. 

Die Lehrerin Aida (Jasna Đuričić) ist als Übersetzerin in der UN-Schutzzone tätig. Der niederländische Offizier Thomas Karremans (Johan Heldenbergh) hat das Kommando über die leicht bewaffnete Schutztruppe der Vereinten Nationen. Die Lage ist sowohl für die Schutzbedürftigen als auch die Soldaten prekär, da die Versorgungslinien abgeschnitten wurden. Aida versucht ihre Familie, die vor einem UN-Stützpunkt auf Einlass wartet, in Sicherheit zu bringen. Als Übersetzerin ist sie anwesend bei den Verhandlungen zwischen der UN und Mladić (Boris Isakivić). Sie weiß längst, das der General die Staatengemeinschaft an der Nase herumführt.

Als die feindliche Armee näher rückt, fordert Karremans Verstärkung an. Diese wird von der Generalversammlung nicht gewährt. Die Soldaten können nur tatenlos zusehen, wie tausende Menschen unter dem Kommando von Mladić in Bussen abtransportiert werden.

Paramilitärische Einheiten fordern Einlass in die UN-Schutzzone (Quo Vadis, Aida?)

Kommentar

Aida ist das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Schon Tage vor dem 11. Juli 1995 scheint klar zu sein, welche Katastrophe sich in der Kleinstadt Srebrenica anbahnt. Tausende Menschen sind seit Tagen von der Versorgung abgeschnitten. Hilfslieferungen werden von der Armee der Republika Srpska und deren Handlanger abgefangen. Der Präsident der Republik Srpska Radovan Karadžić hatte den Befehl gegeben, die Region auszuhungern. Die Rolle der UN-Einheit unter dem Kommando von Thomas Karremans ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Klar ist, dass sie gegen einen Angriff der Armee nicht gerüstet waren. Von Mladićs Schergen angefertigte Videoaufnahmen belasten die UN jedoch schwer. Das Nichteinschreiten der Vereinten Nationen hat den Ruf der Institution nachhaltig beschädigt.

Die Kamera ist bei General Mladić für Propagandazwecke immer mit dabei. Am Ende der Dokumentation Himmel über Srebrenica (YouTube-Link), stossen der UN-Offizier Karremans und Mladić mit einem Schnaps an und verabschieden gemeinsam den Abzug der UN-Truppen. Der General kümmere sich nun selbst um die bosnischen Männer, Frauen und Kinder. In Quo Vadis, Aida kommen genau diese Szenen zwar nicht vor, doch Regisseurin Žbanić schafft es mit ihrer fast dokumentarischen Herangehensweise, das Geschehen mit einer gewissen analytischen Distanz – sofern dies überhaupt möglich ist – aufzuarbeiten. Einzig das Schicksal von Aida und ihrer Familie ermöglichen einen emotionalen Zugang.

Der technokratische Zugang ist auf beiden Seiten gleich. Mladić verfolgt klar ein Ziel und auch die Soldaten bewegen sich keinen Millimeter weg von den Vorgaben, auch als bereits klar zu sein scheint, welche Katastrophe sich hier anbahnt und Männer in unmittelbarer Nähe des Lagers erschossen werden. Die Gräueltaten hinterlassen ihre Spuren einzig auf der Tonspur. Zeigen tut sie Žbanić nicht. Das kommt dem Film zugute, da keine Bilder dem Schrecken gerecht werden können.

Der Umstand, dass die Hauptdarstellerin Jasna Đuričić Serbin ist, hat eine zumindest kleine Diskussion hervorgerufen. Ist gerade eine Serbin dafür geeignet, sich in das Leid der Bosniaken hineinzuversetzen? Für Đuričić sind alle Frauen gleich. Melisa Erkurt meint dazu, dass sie es gerade damals aber nicht waren. (Quelle: Falter/Erkurt, 15/21) Würde umgekehrt ein Jude einen Nazischergen spielen? Die Debatte ließe sich weiterspinnen. Nun ist Đuričić ganz klar das Herz des Filmes geworden. Die große Mehrheit des Publikums wird die Hintergründe nicht kennen und letzlich sind sie für den Film belanglos. Schließlich gibt es keine Sippenhaftung.

Quo Vadis, Aida? ist ein Kriegsdrama, dass sich weit weg von Kampfhandlungen abspielt und die humanitäre Katastrophe in den Fokus rückt, die oft im Verborgenen bleibt. Der Wahnsinn wird auf ein Schicksal, auf eine feministische Perspektive heruntergebrochen. Eine dramaturgische Überhöhung ist nicht notwendig. Ein Film, der unter die Haut geht.

Quo vadis, Aida?

Drama, BIH, AT, NL, DE, u.a. 2020
Regie/Drehbuch
Jasmila Žbanić
Kamera Christine A. Mayer
Schnitt Jarosław Kamiński
Mit Jasna Đuričić, Izudin Bajrović, Boris Ler, Dino Bajrović, Boris Isakivić, Johan Heldenbergh
Länge 104 min
Streamingplattform bis 28. April 2021 auf der Seite des goEast Filmfestival verfügbar


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