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Eine große Premiere in Cannes blieb Small Axe zwar verwehrt, es war dem Regisseur Steve McQueen aber von Anfang an ein Anliegen, sein neues Werk im Fernsehen zu präsentieren. Nur so sei es gewährleistet, dass die fünf Filme unterschiedlicher Länge umfassende Anthologie niederschwellig möglichst viele Menschen zugänglich gemacht werden kann. Sie beruhen zum größten Teil auf wahren Begebenheiten und befassen sich mit institutionellem Rassismus und dem Leben der Westindischen Community in England zwischen 1969 und 1985. Nachdem Small Axe im Dezember bei BBC One zu sehen war, gibt es die Reihe nun bei Amazon Prime Video zu kaufen. Dort wurde sie weder beworben, noch gibt es eine Synchronisation oder Untertitel. Dabei handelt es sich hier um einen unbestrittenen Höhepunkt der Filmsaison.

Darum geht es

Die Filme sind in sich abgeschlossen und unterliegen inhaltlich keiner bestimmten Reihenfolge. Es macht aber Sinn, sie sich in der bei Amazon vorgegebenen Reihung anzusehen. Den Beginn macht Mangrove (127 Min.). Titelgebend ist ein Restaurant in Notting Hill, das nach wiederholten Angriffen durch die Polizei ungewollt zum Zentrum des Widerstandes von MigrantInnen aus Westindien wurde. Der Polizist Frank Pulley (Sam Spruell) führt einen Kleinkrieg gegen den Lokalbesitzer Frank Crichlow (Shaun Parkes). Die Lage spitzt sich zu und gipfelt im August 1970 in einem Protestmarsch unter Beteiligung der Black-Panther-Anführerin Altheia Jones-LeCointe Letitia Wright). Monate später sitzen jene Angeklagten, die heute unter dem Namen die Mangrove Nine bekannt sind, vor Gericht. Selbst Richter Edward Clarke (Alex Jennings) muss bald eingestehen, dass die Staatsgewalt von tiefgreifendem rassistischem Hass durchzogen ist. Der Polizei ist jedes Mittel recht, um die Angeklagten wegzusperren.

Lovers Rock (70 Min) ist der einzige Film, der nicht auf wahren Begebenheiten beruht. Dabei begleiten wir Martha (Amarah-Joe St. Aubyn) Samstag Abend auf eine Hausparty. Eine ganze Nacht wird gefeiert und zu einer außergewöhnlichen Soundtrack Mischung aus Pop und Dance-Hall-Reggae getanzt.

In Red, White and Blue (80 Min.) bewirbt sich Leroy Logan (John Boyega) als Polizist bei der Metropolitan Police. Sehr zum Missfallen seines Vater Kenneth (Steven Toussaint), der genauso wie sein Sohn schon öfters Opfer rassistisch motivierter Polizeigewalt gewesen ist. Leroy sieht allerdings in seinem Engagement den einzigen Weg, um das Verhältnis zwischen der schwarzen Bevölkerung und der Polizei zu verbessern. Leroy wurde zum Aushängeschild einer Imagekorrektur und wurde von der Queen wegen seiner Verdienste in den Order of the British Empire aufgenommen.

Alex Wheatley (66 Min.), gespielt von Sheyi Cole, hat eine schwierige Kindheit hinter sich. Als Jugendlicher entdeckt er seine Leidenschaft zur Musik. Die sozioökonomische Lage und seine Herkunft ermöglicht es ihm aber nicht, ein unbekümmertes Leben zu führen. Im Zuge von Unruhen im Jahr 1981 wird er verhaftet. Im Gefängnis bringt ihn sein Mitinsasse die Faszination von Literatur näher. Wheatley, heute ebenso Mitglied des Order of the British Empire, veröffentlichte folglich mehrere Jugendromane.

Education

Den Abschluss macht Eduction (63 Min.). Der 12-jährige Kingsley (Kenyah Sandy) wird darin von seinen Lehrern als Schüler mit „besondern Bedürfnissen“ eingestuft und in eine Sonderschule verwiesen, die nicht mehr als eine Tagesbetreuung bietet. Mit Hilfe des Black Education Movement wird seine Mutter Agnes (Sharlene Whyte) darauf aufmerksam gemacht, dass hier ein Methode dahinter steckt, um im Londoner Stadtteil Haringey Kinder mit Migrationshintergrund loszuwerden. Damalige Ministerin für Bildung und Wissenschaft war übrigens Margaret Thatcher.

Kommentar

Den fünf vorliegenden Filmen steht das Korsett der Kürze nicht immer gleich gut. Ausgenommen dem Gerichtssaaldrama Mangrove mit seiner Spielfilmlänge sind die weiteren Teile doch deutlich kürzer. Lovers Rock ist trotzdem eine intensive Stunde, die uns hautnah an einer Party teilnehmen läßt. Die Kamera von Shabier Kirchner (Kameramann bei allen Teile) gleitet um die tanzenden Körper und fängt die Atmosphäre wunderbar ein. Die Szene, in der spätnachts zum Song Silly Games getanzt wird, ist für viele der schönste Filmmoment des Jahres. Gerade im vergangenen Jahr vermag der Film bei vielen Sehnsüchte zu wecken. Alex Wheatley wirkt durch die ständigen Zeitsprünge etwas zerrissen. Und gerade Education hätte mehr Zeit vertragen, um dem Skandal der Segregationspolitik mehr Raum zu geben. Unter anderen Vorzeichen und Rahmenbedingungen bleibt übrigens auch unser Bildungssystem nicht davon verschont. Stichwort Brennpunktschulen. Bereits die Kinder türkischer Gastarbeiterinnen wurden in Wien in Haupt- und Sonderschulen gesteckt und ihnen der Eintritt in ein Gymnasium verwehrt.

So if you are the big tree

We are the small axe

Ready to cut you down (well sharp)

To cut you down

Small Axe
Bob Marley & The Wailers, 1973

Steve McQueen geht das Thema Rassismus auf die unterschiedlichste Art an. Meist ist es Polizeigewalt oder wie in Education Teil der Bildungspolitik. In Red, White and Blue nimmt der Protagonist als Akt der Selbstermächtigung sein Schicksal selbst in die Hand, in dem er ein Teil der Polizei werden möchte. Lovers Rock hat, bis auf ein paar kurze Szenen, nur scheinbar nichts mit der Thematik zu tun. Es ist jedoch schon allein der Umstand einer privaten Hausparty ein Hinweis, da der schwarzen Bevölkerung der Besuch einschlägiger Lokale erschwert war. Erschütternd sind die Ungerechtigkeiten, die den ProtagonistInnen widerfahren. Small Axe ist auch eine Warnung und spannt den Bogen nicht zuletzt hinsichtlich der Black Lives Matter Proteste bis in die Gegenwart. Wer seine Vergangenheit nicht kennt, kennt auch seine Zukunft nicht, heißt es einmal in Alex Wheatley.

Small Axe, der Titel ist einem Song von Bob Marley entlehnt, zeichnet sich durch eine hohe Intensität und erzählerische Kraft aus. Steve McQueen verarbeitete seine eigene Familiengeschichte. Bis in die kleinsten Rollen exzellent besetzt und dabei stehts im Auge, nicht nur vergangene Missstände aufzuzeigen. Die Plädoyers der Angeklagten in Mangrove gehen unter die Haut. Die Filmserie ist Bildungsfernsehen der besonderen Art.

STEVE MCQUEEN | GB 2020 | 4 out of 5 stars


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