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Im Kino

Auf dem gleichnamigen Theaterstück von Felix Mitterer basiert der zweite Spielfilm des Salzburger Regisseurs Adrian Goiginger. Märzengrund muss sich zwangsläufig mit dem sensationellen Debüt des Regisseurs Die Beste aller Welten aus dem Jahr 2017 messen. Auch wenn das keine einfache Ausgangslage ist, so zieht uns der Film zu allererst mit seinem hervorragenden Ensemble in seinen Bann. Allen voran spielt hier Johannes Krisch buchstäblich um sein Überleben.

Darum geht es

Im Tirol Ende der 1960er Jahre steht der Sohn eines wohlhabenden Bauern im Zillertal kurz davor, den Hof zu übernehmen. Er versucht seine Aufgaben zu erfüllen, doch als belesener Schüler erwartet er sich mehr vom Leben, als eine Zukunft als Bergbauer. Als er sich in eine geschiedenen Frau verliebt und erkennen muss, dass ihre Beziehung ein Ding der Unmöglichkeit ist, verfällt er in eine Depression.

Der Arzt empfiehlt ihn in eine Heilanstalt nach Innsbruck zu schicken, wo man mit der Elektroschocktherapie gerade gute Erfahrungen macht. Für den Vater kommt das nicht in Frage. Er schickt seinen Sohn im Winter auf die einsame Alm Märzengrund, um alles für den Almauftrieb im Frühjahr vorzubereiten. Als es dann aber im Frühjahr zurück in Tal gehen soll, trifft der Bub eine folgenschwere Entscheidung, die die Zukunft des Betriebes bedroht und schon lange unter der Oberfläche schwellende Konflikte an den Tag befördert.

Vater (Harald Windisch) und Sohn (Jakob Mader) sitzen vor dem Gipfelkreuz in der Sonne und schauen in die Ferne. Der Vater hat eine Bierflasche in der Hand. 
Im Hintergrund das Gipfelkreuz und dahinter von Wolken umgebene Berggipfel .
Vater (Harald Windisch) und Sohn (Jakob Mader) haben sehr unterschiedliche Vorstellungen von der Zukunft. (Märzengrund, Adrian Goiginger 2022)

Kommentar

Der Bauernsohn Elias – als junger gespielt von Jakob Mader und später von Johannes Krisch – versucht sich in einer Zeit von seinem Elternhaus zu emanzipieren, als in den Städten schon längst ein sozialer Umbruch im Gange war. Doch im Zillertal ist sein Weg noch vorherbestimmt. Den Hof der Familie weiterzuführen (die Schwester ist nicht im entferntesten eine Option), das erwartet man von ihm. Gefragt wird da nicht.

Das lastet auf Elias, genauso wie eine Liebe, die aus sozialen Gründen unerfüllt bleiben muss. Also bricht er aus. Die Familie und das Tal beengt ihn. Er flüchtet sich vor gesellschaftlichen Zwängen in die Natur. Adrian Goiginger vermeidet aber eine Romantisierung der Wildnis. Durch die Prachtvollen Bergwelten könnte man leicht dazu verleitet werden. Panoramen werden nur sehr dosiert eingesetzt. Dieser Weite setzt Goiginger mittels dichter Aufnahmen seines Protagonisten dessen seelische Enge gegenüber. In der zweiten Hälfte leiden wir mit Johannes Krisch an seinen unheimlichen körperlichen Schmerzen. Die Schauspielriege (ebenso Harald Windisch und Gerti Drassl als Eltern, Verena Altenberger als Jugendliebe) ist die große Stärke von Märzengrund. Es sind auch Elias‘ Eltern, die mit einer schwierigen Situation umgehen müssen. Da ist keine Gewalt im Spiel, wie das sooft der Fall ist. Es ist vielmehr das Unvermögen mit einer undenkbaren Lage und Veränderungen umzugehen. Diese Konflikte machen Vater und Mutter zu sehr spannenden Figuren.

In den stärksten Momenten erinnert Märzengrund an Filme von Terence Malick. Das will was heißen. Das langsame Erzähltempo bei einer Handlung, die schnell erzählt ist, fordert das Publikum, gerade bis es zu dem Zeitsprung in die Gegenwart kommt. Die Zeitsprünge gleich zu Beginn haben mich etwas irritiert und wenn man erst zu überlegen beginnt, warum diese oder jene Regieentscheidung getroffen wurde, leidet der Film darunter.

Elisas macht eine Wandlung durch und wir durchleben sie mit ihm. Die Natur formt ihn, macht ihn zu einem anderen Menschen. Zum Schluss muss er doch zurück hinunter ins Tal. Da verliert sich der Film in einer bildlichen Metapher. Was bleibt ist Krischs unglaubliche schauspielerische Leistung.

MÄRZENGRUND
Drama, AUT/D 2022

Regie Adrian Goiginger
Drehbuch Adrian Goiginger, Felix Mitterer
Kamera Klemens Hufnagel, Paul Sprinz
Schnitt Birgit Foerster
Musik Manuel Schönegger, Dominik Wallner
Mit Johannes Krisch, Jakob Mader, Gerti Drassl, Harald Windisch, Verena Altenberger


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