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Mit Bradley Cooper, Carey Mulligan Regie Bradley Cooper
Ab 10 Länge 129 Min.

OSCAR KANDIDAT

Die Kamera nähert sich Leonard Bernstein, gespielt von Bradley Cooper, von hinten an. Für ein Fernsehteam spielt er auf dem Klavier. Am Ende sackt er in sich zusammen und erinnert sich an seine große Liebe. Jede Geste stimmt, die Maske sitzt perfekt. Cooper zieht uns in MAESTRO vom ersten Moment an in seinen Bann. Die ersten beiden kaum fünf Minuten dauernden Szenen haben mehr cinematische Kraft und Emotion als so manch anderer Film in diesem Jahr in mehreren Stunden zu entfachen vermag. Was folgt ist kein gewöhnliches Biopic, sondern eine schmerzhafte Liebesgeschichte anhand der sich Cooper an einer der beeindruckendsten Künstlerbiografien des 20. Jahrhunderts abarbeitet.

Bradley Cooper und Carey Mulligan in MAESTRO (USA 2023)

Kurzkritik

A STAR IS BORN war also keine Regieeintagsfliege. Bradley Cooper ist es gelungen, mit seiner zweiten Regiearbeit an den Erfolg von 2018 anzuknüpfen. Und wieder steht eine starke Frauenfigur im Zentrum. Diesmal ist es Bernsteins langjährige Ehefrau Felicia Montealegre gespielt von Carey Mulligan. Wir erleben das Musikgenie aus ihrer Perspektive. Sie selbst ein Broadwaystar, leidet unter seinem enorme Ego. Das kann nicht gut gehen. Zudem Bernstein nicht gerade für seine Treue bekannt war. Trotzdem bleibt sie Jahrzehnte an seiner Seite.

Besonders auffällig ist die von Cooper penibelst einstudierte Mimik und Gestik, was ihm Kritik eingebracht hat. Er sieht Bernstein dank einer im wahrsten Wortsinn herausragenden Maske zum verwechseln ähnlich. Nahezu jedes Outfit weckt Erinnerungen an Fotos und Filmaufnahmen von Bernstein. Hier drängen sich in einigen Departments Oscar Nominierungen auf. Sogar sein Klavierspiel hat er perfektioniert, für Szenen wie jene, in der Bernstein mit Aaron Copland (Brian Clements) ein Duett spielt. Allerdings bekommen wir eine andere Version zu hören. Ein Höhepunkt von MAESTRO ist jene mehr als fünf Minuten lange Szene, in der Cooper die 2. Symphonie von Mahler dirigiert. In der Kathedrale von Ely, an jenen Ort, an dem Bernstein in den 1970ern einen großen Erfolg feierte.

Maestro. Bradley Cooper as Leonard Bernstein (Director/Writer/Producer) in Maestro. Cr. Jason McDonald/Netflix © 2023.

Bereits in A STAR IS BORN umgab sich Bradley Cooper mit bis in die kleinsten Rollen erstklassig besetzen NebendarstellerInnen. Egal ob Hausmeister oder Gesprächspartner in einer Tischgesellschaft: In der jeweiligen Szene sind sie den beiden Hauptdarstellern unmittelbar ebenbürtig. Das gibt dem Film eine unglaubliche Kraft. Genauso wie immer wiederkehrende Traumsequenzen, die sich fließend in die Handlung einfügen und eine ganze Reihe an ausdrucksstarken Bildkompositionen.

A work of art does not answer questions, it provokes them, and its essential meaning is in the tension between the contradictory answers.

Das Zitat von Leonard Bernstein steht am Anfang von MAESTRO.

Voller Widersprüche war Bernstein selbst. Allein schon, da er als homosexueller Mann ein Doppelleben führte, das er selbst vor seinen Kindern verborgen hatte (der Film entstand in Zusammenarbeit mit seinen drei Kindern). Es ist unbestritten, dass er seine Frau über alles liebte, auch wenn Montealegre in einer zentralen und emotionalen Szene behauptet, sein Herz sei voll Haß. Was, so Cooper, der diese Szene schon vor mehreren Jahren geschrieben hatte, aber wiederum in Frage stellt. Sonst wäre sie nicht so lange an seiner Seite geblieben. Gleichzeitig erdrückt Bernstein alle in seiner Umgebung mit seiner Persönlichkeit und läßt kaum Luft zum Atmen. Als Dirigent hatte er zudem ein komplett anderes Auftreten, als wie wenn er gerade komponierte oder sich auf den zahlreichen Parties herumtrieb.

MAESTRO ist ein sehr ambitioniertes aber auch gelungenes Porträt einer Beziehung und wie so oft, wenn die Beziehung eines Genies beleuchtet wird, muss man unweigerlich erkennen, dass dieses Genie ohne den Rückhalt einer Partnerin an der Seite, bei weitem nicht so erfolgreich sein konnte. Ohne Felicia wäre Leonard verloren gewesen. Das bringt Bradley Cooper auf den Punkt. Nicht zu vergessen ein grandioser, das Schaffen Bernsteins umspannender Soundtrack, der zum immer wieder Nachhören einlädt.

Nach wenigen Wochen im Kino ist MAESTRO bereits bei Netflix verfügbar. Was ich befürworte. Ins Kino habe ich es nicht geschafft und zudem konnten wir den Film zu Hause gemeinsam schauen. Im Kino wäre das undenkbar. Es ist ein großer Gewinn.

Maestro, USA 2023
Biografie Ab 10 Länge 129
Regie Bradley Cooper Drehbuch Bradley Cooper, Josh Singer Kamera Matthew Libatique Schnitt Michelle Tesoro
Mit Bradley Cooper, Carey Mulligan
Netflix


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