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Nach Aufführungen bei der diesjährigen Viennale sind wir vorerst um einen, wenn auch zeitlich stark eingeschränkten, Kinostart umgefallen. Daher kommt The Power of the Dog, das neue Meisterwerk von Jane Campion nun alleine via Netflix weltweit seit 1. Dezember 2021 fast frei Haus. Darin brilliert Benedict Cumberbatch als Cowboy im Montana der 1920er Jahre, unterstützt von einem starken Ensemble. Diese Romanverfilmung ist aber mehr Psychogramm als klassischer Western, das Schicht für Schicht seine Figuren dekonstruiert. Lasset es Oscars regnen.

Darum geht es

Das Leben der Brüder Phil (Benedict Cumberbatch) und George (Jesse Plemons) wird gehörig durcheinander gebracht, als George die Restaurantbesitzerin Rose (Kisten Dunst) kennen und lieben lernt. Phil ist wenig begeistert und spottet über ihren Sohn Peter (Kodi Smit-McPhee) und mobbt ihn regelrecht aus dem gemeinsamen Haushalt.

Für Rose wird die ablehnende Haltung Phils und die allgemein giftige Atmosphäre immer mehr zur Belastung. Während George darüber hinwegzusehen versucht, scheint Peter längst einen folgenschweren Plan verfasst zu haben.

Eine ungewöhnliche Annäherung (Benedict Cumberbatch, Kodi Smit-McPhee)

Kommentar

Gäbe es den Ausdruck subtil nicht, man müsste ihn für Jane Campions neuen Film erfinden. So sehr sich in der Nachbetrachtung von The Power of the Dog alles fein zusammenfügt, so schwer zu durchschauen sind die Vorgänge im ersten Moment. Es ist die letzte Einstellung, die allerletzten Sekunden, die bei vielen Klarheit schafft und andere gleichzeitig zum Grübeln bringt. Es ist schon eine Weile her, dass ein Film derart zu Diskussionen eingeladen hat. Wobei, zu diskutieren gibt es dann gar nicht so viel, so schlüssig ist die Erzählung, bis in die kleinsten Details. Es ist nur große Aufmerksamkeit gefragt und dass ist bei einem Film, der über zwei Stunden gemächlich vor sich hin fließt, nicht so einfach!

Die große Überraschung ist zuallererst einmal Benedict Cumberbatch. Nicht, dass uns entgangen wäre, was für ein großer Schauspieler er ist. Es ist viel mehr die außergewöhnliche Rollenwahl. Phil, der wie die anderen ProtagonistInnen gesellschaftlich höher gestellt ist, verbringt seine Zeit lieber auf dem Rücken seines Pferdes, als beim Smalltalk in feiner Gesellschaft. Auf uns wirkt er wie ein Sonderling: unfreundlich, miesepetrig und distanziert. Wie sooft prallen in Western der jüngeren Vergangenheit (siehe auch Neues aus der Welt, ebenfalls Netlfix) Welten aufeinander, die sich in der Psychologie ihrer Helden manifestieren. Sie sind Sinnbild für sich verändernde Zeiten. Nicht die weite Landschaft und Konflikte im Großen stehen im Vordergrund, sondern das Innerste der Protagonisten wird nach und nach nach außen gekehrt. Phil braucht seinen Bruder George, mit dem er sich in ihrem großen Haus ein Zimmer teilt und diese Beziehung ist in großer Gefahr. Cumberbatch steuert womöglich mit großen Schritten auf einen neuerlichen Karrierehöhepunkt zu.

Ihm zu Seite steht Kodi Smit-McPhee (der Junge aus The Road, 2009) als Peter. Er ist der Eindringling. Nicht nur Rose bekommt die Abscheu von Phil zu spüren, sondern auch ihr Sohn. Mit Peter scheint Phil leichtes Spiel zu haben. Der Junge wirkt fragil und ist ebenso ein Außenseiter. Doch dann kommt alles anders und es ist nur einer der Hacken, die die Handlung schlägt. Die von Verzweiflung und Angst geplagte Kirsten Dunst und ein gutmütiger aber hilfloser Jesse Plemons komplettieren dass Ensemble und manchen aus The Power of the Dog eine schauspielerisch intensive Erfahrung.

Jonny Greenwood legt hier neben Spencer in diesem Jahr ein zweites Mal einen wunderbaren Soundtrack vor, der so gar nicht den Hörgewohnheiten entspricht und sie in voller Schönheit gegen den Strich bürstet. In Jane Campions erstem Spielfilm seit über 10 Jahren kann der blaue Himmel noch so strahlen, insgeheim sind längst dunkle Wolken aufgezogen und wir warten angespannt drauf, dass der Blitz einschlägt. Er wird einschlagen, aber er wird uns von hinten überraschen. 1994 musste sich Campion bei den Oscars mit Das Piano (1993) gegen Schindlers Liste (1993) geschlagen geben. Zumindest eine neuerliche Nominierung als Beste Regisseurin scheint gesichert. Wenn sich noch die Möglichkeit bieten sollte, The Power of the Dog auf einer großen Leinwand zu sehen, sollten man sie wahrnehmen.

The Power of the Dog
Drama, USA 2021

Regie Jane Campion
Drehbuch Jane Campion
Kamera Ari Wenger
Schnitt Peter Sciberras
Musik Jonny Greenwood
Mit Benedict Cumberbatch, Kirsten Dunst, Jesse Plemons, Kodi Smit-McPhee
Länge 128 Min.
Streamingplattform
Netflix


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