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Es ist ein Drama für sich, dass Musicals zur Zeit nicht zum populärsten Genre gehören, obwohl gerade großartige Arbeiten zu sehen sind. Neben Spielbergs West Side Story hat im vergangenen Jahr vor allem einer aufhorchen lassen: Lin-Manuel Miranda (Hamilton, Vaiana). In the Heights ist ein fulminantes Musical, zu dem er die Musik komponiert hat. Bei Tick, tick … BOOM! führt Miranda nun erstmals Regie. Es ist die Verfilmung eines autobiografischen Musicals des Komponisten Jonathan Larson, das Miranda gekonnt zu einem herzzerreißenden Biopic verknüpft hat.

Darum geht es

1992 präsentiert Jonathan Larson (Andrew Garfield) sein Musical tick, tick … BOOM! im New York Theatre Workshop (das Off-Broadway Theater ist bekannt dafür, dass hier dem Publikum neue Stücke vorgeführt werden). Darin erzählt er von seiner eigenen Schaffenskrise kurz vor seinem 30. Geburtstag zwei Jahre zuvor. Damals war Superbia, ein in der Zukunft spielendes Rockmusical, Larsons Lebensprojekt aber es gelang ihm lange nicht es zu finalisieren.

Sein Freund Michael (Robin de Jesùs) bietet ihm einen Job bei einer Werbeagentur an, die Larson für seine Talente entsprechend entlohnen würde. Dazu kann sich der Vollblutkünstler nur schwer durchringen. Die Beziehung zu Susan (Alexandra Shipp) leidet unter seiner Obsession, das Musical fertigzustellen. Obwohl sie selbst Sängerin ist, hat sie wenig Verständnis dafür, dass er nichts anderes im Kopf hat als zu komponieren.

Erst in der Nacht vor der Präsentation von Superbia kommt Larson die Idee für den letzten fehlenden Song. Der Workshop, in dem das Musical vorgestellt wird und bei dem unter anderen Stephen Sondheim (Bradley Whitford) anwesend ist, wird ein Erfolg. Allerdings möchte das ambitionierte Stück niemand produzieren und auf die Bühne bringen. Sondheim gratuliert ihm aber persönlich zum gelungenen Werk. Larsons Agentin Rosa Stevens (Judith Light) rät ihm, ein Stück zu schreiben, das mehr mit ihm selbst zu tun hat.

Als nächstes arbeitet Larson an tick, tick, BOOM!, das die Rahmenhandlung des Filmes bildet. Am Ende des Filmes erzählt Susan von seinem letzten Musical Rent, das ein bahnbrechender Erfolg werden sollte. Jonathan Larson hat es aber nicht mehr erlebt. Er stirbt 1996 am Morgen der Premiere an einem Riss in der Aorta.

Ein Leben für die Kunst (Andrew Garfield als Jonathan Larson)

Kommentar

Gerade wenn man mit der Geschichte von Jonathan Larson nicht vertraut ist, trifft einem das Ende mit voller Wucht. Lin-Manuel Miranda hat es für seinen Film extra hinzugefügt, eben genau deshalb, damit auch jene, die Larson nicht kannten, von seinen späteren Erfolgen und dem tragischen Ende erfahren. Das hat dem Regisseur Kritik eingebracht. Zu sehr lastet das dramatische Ende über dem gesamten Film.

Dabei geht es in tick, tick … BOOM! um etwa ganz anderes. Was in den letzten Minuten in den Hintergrund gedrängt wird, ist das eigentliche kreative Schaffen Larsons. Der Film erzählt von der kompromisslosen Leidenschaft für die Kunst und den damit verbundenen Entbehrungen, was es bedeutet, für eine Sache alles aufzugeben. Das ist neben der überraschenden schauspielerischen Leistung von Andrew Garfield, der eine ganz neue Seite von sich zeigt und musikalisches Talent beweist, die große Stärke des Filmes.

Miranda, der einst selbst die Hauptrolle im titelgebenden Musical spielte und das nach eigenen Angaben eine große Inspiration für ihn war, interviewte ihm Zuge der Vorbereitungen zahlreiche WeggefährtInnen Larson. In Archiven durchstöberte er Unterlagen des Komponisten und fügte Details an passenden Stellen ein. Zahlreiche Mitwirkende sind tatsächlich Broadway-Künstler. Sowohl das Moondance-Diner, in dem Larson arbeitete, als auch sein Appartment wurden penibelst genau rekonstruiert. Man spürt die Liebe, die in tick, tick … BOOM! steckt. Der Film ist eine Huldigung an den kreativen Schaffensprozess an sich und setzt Jonathan Larson ein würdiges Denkmal.

tick, tick … BOOM!
Musical, USA 2021

Regie Lin-Manuel Miranda
Drehbuch Steven Levenson
Kamera Alice Brooks
Schnitt Myron Kerstein, Andrew Weisblum
Musik Jonathan Larson
Mit Andrew Garfield, Vanessa Hudgens, Alexandra Shipp
Streamingplattform
Netflix


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