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Wie würden jugendliche Burschen Politik machen, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten? Boys State ist ein in zahlreichen Bundesstaaten der USA stattfindendes Experiment und ermöglicht ihnen genau das, nämlich demokratische Strukturen kennenzulernen und auch gleich praxisnah auszuprobieren. Die viel gepriesene Dokumentation erhielt beim Sundance Filmfestival den Preis der Jury. Sie verrät viel über das aktuelle Politikverständnis in den Vereinigten Staaten.

Darum geht es

Zu Beginn des eine Woche dauernden Camps werden rund tausend Jugendliche per Zufall in zwei Gruppen aufgeteilt, die das Zweiparteiensystem in den USA widerspiegeln sollen. Das Ziel ist klar: am Ende soll ein Gouverneur gewählt werden. Zuerst muss jedoch ein Programm geschrieben werden, ein Parteivorsitzender und eine Reihe anderer Posten besetzt werden. Bereits am ersten Abend beginnen die Kandidaten Unterstützungsunterschriften zu sammeln und schon nach wenigen Stunden kristallisiert sich heraus, wer jene mit den größten Ambitionen sind.

Für manche geht es um alles.

Kommentar

American Legion, eine Non-Profit Organisation bestehend aus Veteranen, veranstaltet jedes Jahr Boys und Girls State Jugendcamps in den USA. Deren Geschichte geht bis an den Anfang des 20. Jahrhunderts zurück und sie waren ursprünglich von Camps in der Sowjetunion inspiriert. Sie entwickelten sich jedoch bald zu einem Programm, dass jungen Menschen die Dynamiken von Politik und Demokratie näher bringen sollte. Heute nehmen jedes Jahr rund 20.000 Jugendliche teil. Die Auswahl ist elitär. Für gewöhnlich schickt jede High School insgesamt nur ein bis zwei Studenten aus den letzten beiden Jahrgängen. Die Teilnahme ist gleich die Eintrittskarte für College und Militärakademie.

Die Inhalte des Boys/Girls State Camps variieren leicht. Mal geht es um einen fiktiven Prozess oder einen speziellen Fokus auf Bildung aber meist läuft es so ab, wie es in der Dokumentation Boys State (gedreht 2018 in Austin, Texas) nun zu sehen ist. Es gibt eine strikte Trennung zwischen Mädchen und Jungen. Die Regisseure arbeiten gerade an einer Dokumentation über Girls State.

Das verspricht auf jede Fall spannend zu werden, denn was passiert in Boys State? Sie machen das, was man von der männerdominierten Politiklandschaft ohnehin kennt. Mehrheiten zu finden ist in der Demokratie unumgänglich, wenn man erfolgreich sein möchte. Die eigene Werte und Prinzipien werden schnell hintangestellt. Jeder glaubt, über die Rechte von Frauen bestimmen zu können und zu wissen, was für sie das Beste ist. Das Thema Abtreibung ist allgegenwärtig.

Die Teilnehmer bilden eine Mischung aus großen ehrgeizigen politischen Talenten (auch Bill Clinton nahm einst teil), Schnöseln und Besserwissern. Zumindest jene, die sich das Regieduo herausgepickt hat. Sie sind es, die die Zukunft der USA bestimmen werden und sie haben erstaunlich schnell begriffen, wie der Hase läuft. Idealismus und revolutionäre Gedanken muss man hier lange suchen.

BOYS STATE | AMANDA MCBAINE, JESSE MOSS | USA 2020 | 109 MIN. | 4 out of 5 stars


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