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Der erste vielversprechende und allgemein verfügbare Film im Jahr 2021 ist ohne große Überraschung bei Netflix im Programm. Die Bestsellerverfilmung The White Tiger, nach dem gleichnamigen Roman von Aravind Adiga aus dem Jahr 2008, ist eine Satire, die sich zu einem gesellschaftskritischen Drama entfaltet und neben einem erinnerungswürdigen Hauptdarsteller mit einem wunderbaren Ensemble aufwartet. Das Schicksal eines Chauffeurs im gegenwärtigen Indien, der dem Teufelskreis des Kastensystems entkommen möchte, unterhält nicht nur, sondern regt zu Diskussionen über dieses menschenverachtende System an aber auch darüber, wie dem ein Blick von außen überhaupt gerecht werden kann. Ein Film über eine Gesellschaft im Hühnerkäfig, wie es der Hauptcharakter versinnbildlicht. Nebenbei sollte langsam thematisiert werden, dass sich im wesentlichen zwei Streamingdienste den gesamten Filmmarkt aufteilen.

Darum geht es

Die Geschichte wird in Rückblenden erzählt. Balram (Adarsh Gourav) scheint ein gemachter Mann zu sein und erinnert sich zurück. Er stammt aus einem Dorf und seine Familie gehört der niedrigen Kaste an. Als eines Tages ein Großgrundbesitzer mit seinem Sohn in seinem Dorf auftaucht und Balram erfährt, dass sie einen Fahrer benötigen, fasst er einen Entschluss. Von seiner alles bestimmenden Großmutter (Kamlesh Gill) erbittet er Geld für die Führerscheinausbildung und folglich gelingt es ihm tatsächlich, in der wohlhabende Familie von Ashok (Rajkummar Rao) eine Stelle als 2. Chauffeur zu bekommen. Fortan steht er im Dienst von Ashok und seiner Frau Pinky. (Priyanka Chopra Jonas), die gerade aus den USA zurück in ihre Heimat gekommen sind. Seine Erziehung gebietet es, sich unterzuordnen und alle Erniedrigungen über sich ergehen zu lassen. Doch insgeheim möchte er sich nicht mit seinem Schicksal abfinden und schmiedet große Pläne.

Balram (Adarsh Gourav) hat verstanden, das System für sich zu nutzen.

Kommentar

Man muss einen Schritt zurücktreten, die westliche Brille abnehmen, durch die hindurch wir die Welt sehen, deuten und zu verstehen versuchen, um The White Tiger zu beurteilen. Ganz klar: wunderschön gefilmt (Kamera: Paolo Carnera) und in kräftige Farben getaucht, gibt der Film ordentlich was her. Regisseur Ramon Bahrani hat sein ganzes Vertrauen in den unbekannten Adarsh Gourav gelegt und die Rechnung ging auf. Obwohl nicht auf den Mund gefallen und zahlreiche zitierwürdige Kommentare abgebend, ist es oft nur ein Ausdruck in seinem Gesicht, der Bände spricht. Als ZuseherIn weiß man immer ganz genau, was in ihm vorgeht. Egal ob sich Wut aufstaut oder er schon seinen nächsten Schritt plant. Seine Co-Darsteller haben ebenso stark ausgeprägte und überzeugende Rollen. Selbst kleinere Rollen, wie die des Balram ständig drangsalierenden Assistenten Ashoks, tragen ihres zu einem gelungenen Ensemble bei.

Wie stark beeinflusst nun aber der Blick von außen einen Film, der mit einem jahrtausendealten Gesellschaftssystem derart hart ins Gericht geht? Zurecht möchte man meinen und The White Tiger liefert auch gleich mögliche Erklärungen, warum das Kastensystem auch heute noch so gut funktioniert. Es hat sich blendend an die kapitalistischen Strukturen angepasst. Für uns ist es schlicht unverständlich, wie eine Minderheit soviel Menschen über einen langen Zeitraum unter Kontrolle halten und letzten Endes brutal unterdrücken kann.

Der Film beginnt mit dem Welthit Mundian To Bach Ke von Punjab MC aus dem Jahr 1998. Im Grunde gibt das schon die Tonalität der Geschichte vor. Indische Klänge werden mit Hip-Hop Rhythmen vermischt um sie massentauglich zu machen. Karan Madhok führt das in seiner Filmbesprechung Indian Tiger, foreign gaze für The Chakkar sehr eindrücklich aus. Gewissermaßen ist der ganze Film weichgespült und auf den westlichen Geschmack getrimmt. Madhok kritisiert weiters die englische comichafte Sprache mit indischem Akzent. Gerade so weit exotisch, dass keine Übersetzung notwenig ist und unerträglich lächerlich für indisch sprechende Menschen.

The White Tiger gibt jetzt nicht vor authentisches Weltkino zu sein. Die Geschichte ist unterhaltsam und wird spannend erzählt. Sie wird den Großteil des Publikums zufriedenstellen. Trotzdem schadet es nicht, sich etwas mehr Gedanken darüber zu machen, wie gefiltert und zurechtgebogen uns die Welt präsentiert wird, genau so nämlich, wie wir sie gerne sehen möchten.

THE WHITE TIGER | RAMIN BAHRANI | USA 2021 | 125 MIN. | 3.5 out of 5 stars


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