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Ab 18. Juni im Kino

Kann Spoiler enthalten

Mit Cruella de Vil bekommt nach Maleficent (2014/2019) eine weitere Antagonistin aus dem Hause Disney ihren großen Auftritt. Die Geschichte ist ein Prequel zum Zeichentrickfilm 101 Dalmatiner (1961), bzw. der Realverfilmung mit Glen Close aus dem Jahr 1996. Cruella hat einiges an Schauwerten und mit Emma Stone und Emma Tompson zwei hervorragende Hauptdarstellerinnen zu bieten. Darüber hinaus hat die 200 Millionen Dollar teure Neuverfilmung allerdings mit ein paar grundlegenden Problemen zu kämpfen, die auch nicht ein exorbitant teures Songpotpourri zu kaschieren vermag.

Darum geht es

Die kleine Estella (Tipper Seifert-Cleveland) ist ein ungewöhnliches Kind. Am auffälligsten ist ihr schwarzweiße Haarpracht. Zu rebellisch für das Schulsystem, plant ihre Mutter (Emily Beecham) sie aus der Schule zu nehmen und nach London zu ziehen. Auf dem Weg bittet sie ihre wohlhabende Arbeitgeberin um finanzielle Unterstützung, wird aber von deren Dalmatinern eine Klippe hinuntergestoßen. Von nun an auf sich gestellt, freundet sich Estella mit den zwei Ganoven Japser (Joel Fry) und Horace (Paul Walter Hauser) an und schlägt sich mit allerhand Gaunereien durchs Leben. Ihr großer Plan ist Modedesignerin zu werden. Um nicht aufzufallen, färbt sie sich die Haare rot.

Als die Baroness von Hellman (Emma Thompson) auf sie aufmerksam wird, ändert sich ihr Leben schlagartig. Sie ist, wenn auch mit überheblicher Zurückhaltung, von ihren Modeentwürfen angetan. Als sie hinter das Geheimnis der Baroness kommt, wird die Wut in ihr immer stärker und sie beschließt, den Namen anzunehmen, den ihr schon ihre Mutter manchmal nachgerufen hatte: Cruella. Fortan verfolgt sie nur mehr das Ziel, die Baroness zu vernichten und ihre Rolle am Modehimmel einzunehmen.

Emma Thompson als Baroness von Hellman

Kommentar

Es sind wenige Sekunden, die für die meisten Diskussionen gesorgt haben. Sie unterbrechen den Abspann von Cruella kurz und geben einen Vorgeschmack auf die bereits geplante Fortsetzung. Die Szenen leiten mit den Dalmatiner-Welpen Pongo und Perdita über in die aus dem Zeichentrickfilm bekannte Geschichte aus dem Jahr 1961. Damals war Cruella de Vil auf der Jagd nach den Dalmatiner-Welpen von Pongo und Perdita. Allein wie durch die Entwicklung des Charakters der Protagonistin die Brücke geschlagen wird, bleibt im Dunkeln. Emma Stones Cruella hat nämlich herzlich wenig mit der ursprünglichen Figur zu tun.

Estella wird uns zwar als kleines widerspenstiges Mädchen und später als Revoluzzerin präsentiert, aber so richtig böse ist sie nicht. Das liegt vor allem daran, das sie in der Baroness eine Gegenspielerin hat, die eigentlich Cruellas Rolle als Antagonistin übernimmt. Somit ist Cruella unsere Bezugsperson mit einer nachvollziehbaren Agenda. Auch wenn wir erfahren, wo der spätere Hass gegenüber Dalmatiner herrührt, ist hier noch nichts davon zu spüren. Dalmatiner kommen überhaupt nur am Rande vor. So wirkt die ganze Geschichte etwas willkürlich. Die Transformation der Protagonistin ist mehr Mittel zum Zweck.

Emma Thompson ist sichtlich in ihrem Element und genießt ihre Rolle als überheblicher und böser Kontrollfreak. Es gibt zwei Plottwists, wovon einer keine große Überraschung ist und der zweite sich sehr stimmig in die Geschichte einfügt. In beiden Fällen spielt die Baroness eine wesentliche Rolle. Thompson biete sich als erste Schauspielerin in diesem Jahr für einen Nebenrollenoscar an.

Leider atmet Cruella den Charme eines fast komplett dem Computer entsprungenen Filmes. Die Atmosphäre des Swinging London mag trotz einer schier unendlichen Abfolge an Sechzigerjahre Hits nicht wirklich überspringen. Zumal Songs wie Livin‘ Thing des Electric Light Orchestra fehlt am Platz wirken. Der Score von Nicolas Britell geht dabei völlig unter. Endlose Kamerafahrten sind mehr technische Spielereien, als dass sie etwas zur Geschichte oder dem Charakter beitragen. Die Sets und die Ausstattung sind aber formidabel und ein optischer Genuss. Ebenso die Kostüme. Cruella könnte ein besserer Film sein, wenn da nicht der schale Beigeschmack wäre, hier ginge es nur um die Vermarktung eines Disney-Charakters.

Zum ersten Mal wendet sich Disney an ein etwas älteres Publikum (10-12 plus). Gerade zu Beginn ist Cruella düster. Im Großen und Ganzen ist die Notwendigkeit aber fraglich. Im Kern geht es wie in nahezu jedem Märchenstoff um den Verlust der Mutter. Ein Flammeninferno kennt man aus zahlreichen Trickfilmen. Offenbar wird hier ein Unterschied zwischen Animation und Realfilm gemacht. Gerade der dürfte bei einem jüngeren Publikum aber zu vernachlässigen sein.

Ein Markenzeichen fehlt neben Limousine, Dalmatiner und extravaganter Frisur: die Zigarettenspitze. Emma Stone hätte zu gerne etwas Rauch verblasen. Alleine die Politik von Disney verbietet es. Seit 2015 gilt ein rigoroses Rauchverbot in allen dem Konzern zugehörigen Sparten. Gut möglich, dass durch die anstehende Fortsetzung diese Vorgeschichte einmal in einem anderen Licht erscheinen wird. Jetzt gewinnt man jedoch den Eindruck, hier wurde ein Disney-Charakter dazu missbraucht, ein Franchise fortzuführen, das im Jahr 2000 mit 102 Dalmatiner ein unrühmliches Ende genommen hatte.

Cruella

Krimikomödie, USA 2021
Regie
Craig Gillespie
Drehbuch Dana Fox, Tony McNamara, Aline Brosh McKenna, Kelly Marcel, Jez Butterworth, Steve Zissis
Schnitt Tatjana S. Riegel
Musik Nicolas Britell
Mit Emma Stone, Emma Thompson
Länge 134 Min.
Streamingplattform Disney+
Im Kino ab 18. Juni 2021




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