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Eine lange Reise hat das französische Drama Die Wütenden – Les Misérables von Ladj Ly hinter sich. Seit September 2020 bei Amazon Prime verfügbar, feierte einer der spannendsten Filme des vergangenen Jahres bereits 2019 bei den Filmfestspielen von Cannes seine Premiere und dort wurde ihm sogleich der Große Preis der Jury zugesprochen. Es folgte eine Nominierung für einen Oscar in der Kategorie Bester Internationaler Film. Der Film ist inspiriert von den Unruhen in den Pariser Vorstädten im Jahr 2005, bei denen auch Montfermeil betroffen war, wo diese Geschichte nun spielt. Victor Hugo siedelte seinen Roman Die Elenden (Les Misérables) in eben diesem Ort 20 km östlich von Paris an.

Darum geht es

Der Polizist Stéphane (Damien Bonnard) hat sich gerade in den Pariser Vorort Montfermeil versetzen lassen. Gemeinsam mit den zwei Kollegen Chris (Alexis Manteni) und Gwada (Djibril Zonga) lernt er auf ihren Fahrten ein multikulturelles Viertel kennen, das sich Salah (Almamy Kanouté) von der Muslimbruderschaft und ein selbsterahnter Bürgermeister (Steve Tientcheu) untereinander aufteilen. Die Lage ist latent angespannt aber weitgehend friedlich.

Als eines Tages ein Junge (Issa Perica) ein Löwenbaby aus einem in der Gegend gastierenden Zirkus stiehlt, droht die Lage zu eskalieren, nachdem einer der Polizisten in einem Tumult die Nerven verliert und den Buben verletzt. Die Folge ist eine Revolte von lokalen Jugendbanden, die die Polizisten in kürzester Zeit in große Bedrängnis bringen.

Issa Perica (Mitte) bringt durch einen kleinen. Diebstahl das ganze Viertel in Aufruhr.

Kommentar

Präsenz zeigen. Darum geht es, wenn die drei Polizisten durch den Stadtteil Les Bosquets patrouillieren. Denn wenn es ernst wird, hätten sie ohnehin keine Chance sich durchzusetzen. So regelt sich das Leben in dem Vorort von Paris von selbst. Die einzelnen Gruppen leben nebeneinander. Man respektiert sich, geht auf Distanz. Das geht gut, solange es zu keinen Zwischenfällen kommt. Das Spielfilmdebüt des französischen Regisseurs Ladj Ly fängt die vorherrschende Atmosphäre gekonnt ein. Überall kann Gefahr lauern, das Fass scheint immer kurz vor dem Überlaufen zu sein.

Den drei Polizisten sieht man die permanente Anspannung an und sie gehen auf die unterschiedlichste Art und weise damit um. Während sich Gwada zurückhält und Stéphane seinen Platz erst finden muss, geht Chris auf Konfrontationskurs und nutzt seine Machtposition aus. Übrigens genauso, wie es die Vorgesetzte in der Polizeistation tut. Ein kleiner Seitenhieb auf die Verteilung der Geschlechterrollen.

In der Eröffnungssequenz wird gefeiert. Ganz Paris ist auf der Straße. Frankreich gewinnt die Fussball-WM 2018. Bevor in großen Buchstaben der Filmtitel erscheint, drängen sich die Massen auf dem Champs Elysees. Dann kommt der harte Schnitt. Was das mit der eigentlichen Geschichte zu tun hat? Die Kinder in Montfermeil laufen mit französischen Fahnen auf die Straße. Sie stammen zum Großteil aus den Ländern Nordafrikas. Genauso wie die Eltern von Kylian Mbappé, der im Finale der Fussball-WM gerade das letzte Tor geschossen hat. Mit dem Ende der Meisterschaft rücken die Kinder wieder an den Rand der Gesellschaft. Hier setzt Regisseur Ly in Die Wütenden – Les Misérables an.

Es ist ein Mikrokosmos mit eigenen Dynamiken und Gesetzen, fernab des repräsentativen Pariser Zentrums. Hier hat sich tatsächlich eine Parallelgesellschaft etabliert, ein Zustand, der durch die Notwendigkeit des Überlebens bestimmt wird. Hier zählt vor dem Gesetz nicht was passiert ist, sondern was bewiesen werden kann. Niemand schaut hier her, solange es keine Aufstände oder Unruhen gibt.

Die Wütenden – Les Misérables

Drama, USA 2019
Regie
 Ladj Ly
Drehbuch Ladj Ly, Giordano Gederlini, Alexis Manteni
Kamera Julien Poupard
Schnitt Flora Volpelière
Musik Marco Casnanova, Kim Chaprion
Mit Damien Bonnard, Alexis Manteni, Djibril Zonga, Issa Perica
Länge 105 Min.
Streamingdienst Amazon Prime


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