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Märchen gehören wohl zu den bekanntesten und einflussreichsten Erzählungen überhaupt. Die Märchensammlung der Brüder Grimm aus dem 19. Jahrhundert bietet die Ausgangslage für zahlreiche Interpretationen und ist nicht zuletzt Grundlage für den Erfolg von Disney. Dort bedient man sich der klaren Strukturen und macht sich die immer wiederkehrenden Motive zu nutze. An ein älteres Publikum richtete sich 2013 Hänsel und Gretel: Hexenjäger. Darin werden aus dem Geschwisterpaar Kopfgeldjäger. Nun gibt es mit Gretel & Hänsel eine bildgewaltige Variante, die Horrorelemente in den Vordergrund rückt. Der Titel verrät es bereits: der Fokus ist hier anders gelegt.

Darum geht es

Nach dem Tod des Vaters begibt sich Gretel (Sophia Lillis) mit ihrem kleinen Bruder Hänsel (Sammy Leakey) auf Arbeitssuche. Der Hunger ist groß und als sie im Wald zu einem Haus kommen, aus dem es nach Essen duftet, kann sich Hänsel nicht mehr zurückhalten und stürzt sich auf den reich gedeckten Tisch. Dabei wird er von der Hausherrin Hulda (Alice Krige) erwischt. Diese zeigt sich jedoch gastfreundlich. Sie bietet den beiden Essen und ein Bett an. Tag für Tag ist der Tisch reich gedeckt. Die Fülle an Speisen macht Gretel zunehmend misstrauisch. Bald plagen das Mädchen nächtliche Visionen. Die Alte Frau möchte Gretel in die Künste der Hexerei einführen. Doch als ihr kleiner Bruder verschwindet, macht sie im Keller des Hauses eine erschreckende Entdeckung.

Kommentar

Bei aktuellen Verfilmungen von Geschichten für Kinder, treten seit ein paar Jahren die weiblichen Figuren als Heldinnen in den Vordergrund. Pionierin ist hier die lose auf einem Märchen von Hans Christian Anderson basierende Eiskönigin (Die Eiskönigin – Völlig unverfroren, 2013). Auf Plakaten und Filmtiteln waren die berühmten Vorgängerinnen schon seit eh und je vertreten. Neu war, dass sie, wie zuletzt Raja und der letzte Drache, ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen durften und nicht auf ihren Prinzen warten mussten.

Nur konsequent, dass sich nun Drehbuchautor Rob Hayes dem bekanntesten und düstersten Märchen der Brüder Grimm annimmt, um aus dem Kind Gretel eine 16-jährige Jungendliche zu machen. Ihr Bruder bleibt ein kleiner Bub und ist mehr Beiwerk und schon gar keine Hilfe für die große Schwester. Dieser feministische Ansatz ist eine der neuen Ideen von Gretel & Hansel. Es beginnt damit, dass die Hexe selbst eine Hintergrundgeschichte bekommt. Das wird für den Schluss wichtig sein. Hulda ist dadurch nicht weniger gruselig, dafür sorgt Alice Krige. Gretel wird erst gar nicht in die Opferrolle gedrängt. Hulda sieht in ihr vielmehr eine Gleichgesinnte. Es macht die Situation für das Geschwisterpaar dadurch aber auch nicht weniger gefährlich. Kinderliebe ist der Alten mehr als fremd.

Neben dem beeindruckenden visuellen Stil (das Hexenhaus mit den spitzen Dach kann sich sehen lassen, verbirgt es doch in seinem Inneren mehr, als es von Außen den Anschein macht) bleibt vor allem der Synthie-Soundtrack des französischen Musikers Rob im Gedächtnis. Wer einen Eindruck von der Atmosphäre des Filmes bekommen möchte, sollte hier einmal reinhören.

Leider verläßt sich Gretel & Hansel zu sehr auf seine Grundprämisse. Für einen erwachsenen Horrorfilm ist er über weite Strecken zu harmlos um tatsächlich einer Altersfreigabe von 16 Jahren gerecht zu werden. Gerade die unerwarteten Perspektivenwechsel bedürften einer tiefgehenderen Ausarbeitung. Vielleicht ist der Film dafür zu kurz geraten. Im Gegenzug wirken die 88 Minuten gar recht lange.

Oz Perkins‘ Version des Märchenklassikers ist eine kluge und bildgewaltige Neuinterpretation, die aber nicht so recht zünden möchte.

Gretel & Hänsel

Horrorfilm, USA 2020
Regie
Oz Perkins
Drehbuch Rob Hayes
Kamera Galo Olivares
Schnitt Josh Ethier, Julia Wong
Musik Robin Coudert
Mit Sophia Lillis, Sammy Leakey, Alice Krige
Länge 88 Min.
Streamingplattform Sky Go, Prime Video


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