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Kaum einer kann auf eine vielseitigere und ungewöhnlichere Filmografie zurückblicken als Nicolas Cage. Sowohl im Blockbustergenre hat er sich einen Namen gemacht, als auch im Drama und in einem Kino der Extreme. Nun ist sein Schaffen um einen Höhepunkt reicher. Im Debüt von Regisseur und Drehbuchautor Michael Samoski begibt er sich auf einen Rachefeldzug, der so gar nicht unseren Erwartungen entspricht. Dafür ist Pig nämlich viel zu klug konstruiert. Es hätte nach 27 Jahren die zweite große Chance für Nicolas Cage sein können, einen Oscar als Bester Schauspieler zu erhalten. Leider hat die Academy den gesamten Film ignoriert.

Darum geht es

Robin „Rob“ Feld (Nicolas Cage) lebt in einer einsamen Hütte mitten im Wald. Einzig sein Trüffelschwein leistet ihm Gesellschaft. Die Besuche des Zwischenhändlers Amir (Alex Wolff), an den er die Trüffel verkauft, sind alles andere als eine willkommenen Abwechslung. Rob sucht die Einsamkeit und braucht keinen Ansprechpartner. Als eines Nachts sein Trüffelschwein gestohlen wird, begibt er sich mit Hilfe von Amir gezwungenermaßen auf die Suche in die Stadt. Es ist lange her, dass er unter Menschen war. Ein Schicksalsschlag hat ihm zu dem gemacht, was er heute ist. Manche erinnern sich sogar nach vielen Jahren an ihn. Genauso wie er sich an sie erinnert. Wer war Robin Feld und wer hat es auf sein kostbares Schwein abgesehen?

Nicolas Cage on fire (Pig, 2021)

Kommentar

Es ist wohl dem Mut und der Experimentierfreudigkeit von Menschen wie Nicolas Cage zu verdanken, dass Filme wie Pig – den er auch co-produziert hat – überhaupt existieren. Klar, ein Film, in dem es um ein gestohlenes Trüffelschein geht und der sich von einem augenscheinlichen Rachethriller in eine völlig andere Richtung entwickelt, ist nicht für die Massen gemacht. Leider war es kaum möglich, den Film in Österreich auf der Leinwand zu sehen, bevor er nun bei Amazon Prime Video gelandet ist.

Dabei handelt es sich um einen Film, der ein dunkles Kino dringend benötigt. Es sind gerade die kleinen Dramen, die in einem Raum frei von Ablenkungen ihre größte Sogwirkung entfalten können. Pig ist ein intensives Seherlebnis ohne dabei ständig am Limit der Erträglichkeit sein zu müssen. Der Film ist zwar erst ab 16 Jahren freigegeben, was aber nicht bedeutet, dass die 91 Minuten von destruktiver Gewalt bestimmt sind. Ganz im Gegenteil.

Pig erinnert vor allem zu Beginn an Leave No Trace von Debra Granik. Ebenfalls in den Wäldern rund um Portland, Oregon angesiedelt handeln beide Filme von Aussteigern und zu Beginn ist nicht ganz klar, wovor sie weggelaufen sind. Es ist ein düsterer Film, keine Frage. Wegen der Thematik genauso, wie aufgrund der visuellen Umsetzung. Robs Vergangenheit lastet zu sehr auf ihm, um hier auch nur einen Keim an Optimismus aufkommen zu lassen. Er läßt es seinen verwahrlosten und leidgeplagten Körper spüren. Weil sich uns aber der Charakter nach und nach offenbart und wir uns längst unbemerkt auf seine Seite gestellt haben, versprüht der Film keine Trostlosigkeit. Das gipfelt in einem Finale, mit dem wohl niemand gerechnet hat.

Davor tauchen wir in eine Zwischenwelt ein, die die meisten von ins wohl nicht gekannt haben. Es ist ein Netzwerk aus Lieferanten von Delikatessen und Küchenchefs, das einem Gangsterfilm entsprungen sein könnte. Die Stadt und die Interieurs ähneln in ihrer Unübersichtlichkeit jener des Waldes zu Beginn. Ein Stadtdschungel im wahrsten Sinne des Wortes. Mitten drin der anfangs wortkarge Rob (mit Alex Wolff hat Cage übrigens einen kongenialen Partner an seiner Seite), der von einem inneren Schmerz angetrieben wird, der dem Charakter eine unglaubliche Tiefe gibt und dessen Motivation nicht die Vergeltung ist. Nicolas Cage, der sich in den letzten Jahren dem Horrorgenre zugewendet hat, ist die Rolle auf den Leib geschrieben..

Regisseur und Drehbuchautor Michael Samoski schafft es in drei Kapiteln und knapp eineinhalb Stunden eine tiefgründige und komplexe Story glaubwürdig und in einem langsamen Tempo zu erzählen. Pig ist nicht jedermanns Sache. Dafür ist er viel zu kompromisslos. Allerdings öffnet uns Samoski gegen Ende eine neue Perspektive, die von einer tiefen Menschlichkeit geprägt ist. Dann ist Pig auf einmal ein Film über Verlust und eine verlorengegangene Liebe. Doch am Anfang steht ein in der Dunkelheit um sein Leben quiekendes Trüffelschwein. Diesen Bogen zu spannen ist ganz große Erzählkunst.

Pig
Drama, USA 2021

Regie Michael Samoski
Drehbuch Michael Samoski
Kamera Patrick Scola
Schnitt Brett W. Bachman
Musik Alexis Grapsas, Philip Klein
Mit Nicolas Cage, Alex Wolff, Adam Arkin
Länge 91 Min.
Streamingplattform
Amazon Prime Video


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