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Am 27. März 2022 fand in Hollywood mit der Verleihung der Oscars eine schwache Filmsaison zu einem unrühmlichen Ende. Die Academy of Motion Picture Art and Sciences machte in diesem Jahr ihrem Namen keine Ehre. Neuerliche Versuche, verloren gegangenes Publikum wieder vor die Fernsehgeräte zu locken, endeten in einem Desaster, das wohl auf seine Art und Weise in die Geschichte eingehen wird. Aber der Reihe nach.

2020 war ein großes Filmjahr. Einen Überblick gibt es hier zum Nachlesen. Retrospektiv war es ein richtiggehend glänzendes Filmjahr, alleine schon, wenn man sich die Kandidaten in der Kategorie Bester Film vor Augen führt. Aber auch Abseits der Oscars braucht sich das Jahr nicht zu verstecken. Nun bekamen wir aber die Auswirkungen der Pandemie voll zu spüren. Sean Bakers (The Florida Project) wunderbares Red Rocket wiederum (der Regisseur reiste eigens an, um seinen neuen Film bei der Viennale vorzustellen), ist dem Umstand geschuldet, dass Baker ein geplantes größeres Projekt unter den derzeitigen Produktionsbedingungen nicht verwirklichen konnte und sich mit einem kleinen Team seiner Wurzeln besinnte. Ein Glücksfall.

(Titelbild: Flee von Jonas Poher Rasmussen, DK/F/N/S 2021)

Die Oscars

Und eine Ausnahme. Gleich 10 Filme waren in diesem Jahr in der Kategorie bester Film nominiert. Wovon meiner Meinung nach bestenfalls drei auch hier ihre Berechtigung hatten. Neben Steven Spielbergs Meisterwerk West Side Story gehören dazu die schwer zugänglichen The Power of the Dog von Jane Campion und Drive my Car von Ryūsuke Hamaguchi. Es gibt immer glückliche Mitläufer, die es irgendwie unter die Nominierten schaffen. In diesem Jahr waren sie in der Überzahl.

© 2021 American Broadcasting Companies

Kurz bevor die Verleihung am Sonntag Abend im Dolby Theatre über die Bühne ging, könnte man über Twitter bereits von 8 Gewinnern lesen. Die Preise (unter anderen Schnitt und Ton) wurden kurz vor der Gala vergeben, um Zeit einzusparen, was im Vorfeld neuerlich für große Empörung sorgte, nur um sie nachträglich bruchstückhaft und ungeschickt erst wieder in die Show einzufügen. Die geplante Sendezeit übertraf man aber letzten Endes um knappe 45 Minuten. Der Abend was sogar länger als im vergangenen Jahr. Abgesehen davon, dass es wieder live Darbietungen aller in der Kategorie Bester Song nominierten Liedern gab, fand sich sogar Zeit für einen zusätzlichen Song aus Encanto, der nicht einmal nominiert gewesen ist. Oder Zeit für eine Hommage auf 60 Jahre James Bond, ohne auch nur einen mit dem Franchise verbundenen Gast einzuladen.

Weiters nicht nominiert waren Joel Coens optisches Meisterwerk The Tragedy of Macbeth, Maggie Gyllenhaals Frau im Dunkeln oder Pig von Michael Sarnoski, Spencer von Pablo Larraín oder Lin Manuel Mirandas In the Heights, der mit seinem Migrations-Musicaldrama die West Side Story quasi ins 21. Jahrhundert geholt hat. In diesem Jahr ist die Liste auffällig lang. Die der Nominierten so beliebig wie noch nie.

Es gab buchstäblich zwei Elefanten im Raum. Zum einen war man sich im Vorfeld unklar darüber, wie man mit den Krieg in der Ukraine umgehen sollte. Selbst eine Live Schaltung zu Wolodymyr Selenskyj war angedacht. Man entschied sich dazu zwei holprig formulierte Texttafeln einzublenden und für eine Schweigeminute in einer Werbepause. Einzig der 82 jährige Francis Ford Coppola fand im Rahmen der Der Pate Hommage flankiert von Al Pacino und Robert de Niro Worte zur Ukraine. Sonst herrschte Funkstille. Die Oscars waren aber auch noch nie eine politische Veranstaltung.

Macbeth (R. Joel Coen, 2021, AppleTV+)

Dann war da noch der Moment, von dem noch lange alle sprechen sollten. Als Chris Rock einen Witz über Jada Pinkett Smiths krankheitsbedingt kahlen Kopf machte, schmunzelte Will Smith zuerst und als er bemerkte, dass seine Frau das gar nicht lustig fand, ging er kurzerhand auf die Bühne und schlug Rock ins Gesicht. Nicht nur Chris Rock verfiel in eine sekundenlange Schockstarre, auch dem Publikum, vor Ort und zu Hause, schien es ähnlich gegangen zu sein. War das ein weiterer misslungener Scherz, derer es an diesem Abend zahlreiche gab?

Quelle: Wikipedia

Nachdem Will Smith aber anschließend von seinem Platz aus noch nachschob, Rock solle den Namen seiner Frau nie wieder in seinen verdammten Mund nehmen, inklusive gleich zwei Mal dem im US-Fernsehen verpönten F-Wort, war klar, das dies nicht Teil der Show war (Das US-Fernsehpublikum erfuhr übriges erst später von den Details, da der Ton bei der Übertragung stumm geschalten wurde). Im Nachhinein erfuhr man, dass Denzel Washington und Tyler Perry (oder wars Bradley Cooper?) in der folgenden Werbeunterbrechung Smith für ein Gespräch zur Seite holten. Sonst tat man so, als wäre nichts geschehen. Als Will Smith dann den Oscar für sein Rolle in King Richard als Vater der Williams Schwestern erhielt, sprach er davon, wie Richard Williams immer seine schützende Hand über die Familie gehalten hatte und dieses Gefühl, das tun zu müssen, hatte er selbst eben auch gehabt. Er entschuldigte sich bei der Academy. Ein absurder Moment.

Es stand folglich alles im Schatten dieses Eklats. Die In Memoriam Sequenz fiel zwar großzügiger aus (im vergangenen Jahr konnte man aufgrund des Tempos, in dem die Verstorbenen aufschienen, nicht einmal die Namen richtig lesen), allerdings mit eigenwilliger Musik. Selbst dass Bill Murray bewegende Worte zu Ivan Reitman fand, konnte den Moment nicht retten. Dass Jamie Lee Curtis zum Gedenken an Betty White mit einem Welpen auf er Bühne stand, wunderte zu diesem Zeitpunkt vermutlich kaum noch jemanden.

Bereits früher am Abend hielt Troy Kotsur eine bewegende Rede, als er seinen Oscar für seine Rolle als Bester Nebendarsteller in Coda entgegen nahm. Es war auch der Moment, in dem klar war, welcher Film am Ende als Sieger hervorgehen würde. In Gebärdensprache machte er deutlich, wie wichtig der Film für alle Taubstummen und deren Familie sei. Coda entpuppte sich erst kurz vor der Verleihung als Favorit. Der Film konnte alle seine drei Nominierungen in goldenen Statuen verwandeln. Ganz im Gegensatz zum 12-fach nominierten The Power of the Dog, für den einzig Jane Campion als Beste Regisseurin (nach Chloé Zhao die zweite Frau in Folge) ausgezeichnet wurde. Allgemein waren die Statuetten in diesem Jahr weniger gleichmäßig verteilt als im vergangen Jahr. Dune erhielt ganze 6 Oscars, allerdings in den technischen Kategorien. So sticht auch in diesem Jahr kein großer Gewinner hervor.

Instagram, 28. März 2022

Die Kategorie Bester Animationsfilm wird offenbar immer noch als inoffizieller Bester (Disney) Kinderfilm geführt. Andernfalls hätte in diesem Jahr, in der wie immer stark aufgestellten Kategorie, der Dokumentarfilm Flee von Jonas Poher Rasmussen gewinnen müssen.

Hinter den Kulissen lag der Abend in den Händen von jenen, denen sowohl die Filme als auch die Preise völlig egal sind. Die Übertragung war eine Lehre für alle TV-Programmmacher, die sich einem möglichst breiten Publikum anbiedern möchten. In einem Jahr, in dem die Oscars so divers wie noch nie waren eine Enttäuschung für alle, die das Kino und Filme lieben. Mit Coda als Gewinner, der in anderen Zeiten wohl sein Publikum gefunden hätte, nun aber auf der kleinen Streamingplattform AppleTV+ sein Dasein fristet und wo man sich vehement weigert, den Film auf der großen Leinwand zu zeigen. Ein fatales Zeichen. So gesehen war die Gala eine Tiefpunkt gerade zu einer Zeit, die für das Kino ohnehin so schwierig ist. Dem nicht genug, rief die Academy via Twitter zur Wahl des Fan Favorite Movie auf. Es gewann überraschend Army of the Dead von Zack Snyder (Netflix). Dafür gab zwar keinen Statuette aber immerhin erwähnt wurde es in der Übertragung.

Erstaunlicherweise entstand in den Tagen danach keineswegs ein Konsens darüber, dass Smiths Kontrollverlust zu verurteilen sei. Am Montag nach der Verleihung entschuldigte sich Smith via Instagram. Der Text entstammt wohl eher einer Anwaltskanzlei. Es ist, wenn auch gemessen an der momentanen allgemeinen Situation völlig unbedeutend, ein für die Oscars sicherlich beispielloses Vorkommnis. Von diesem Abend wird sich die Academy so schnell nicht mehr erholen. Es wäre jedenfalls dringend notwendig, wieder ausschließlich Filme mit Kinostart zu nominieren.

Filmbesprechungen auf THE REEL THERAPIST zu den mit Oscars nominierten Filmen gibt es hier (Don’t Look up), hier (Dune), hier (Nightmare Alley), hier (Keine Zeit zu Sterben), hier (Licorice Pizza) und hier (Cruella). Links zu weiteren Filmen sind unten in der Bestenliste angeführt.

Das Filmjahr

Trotzdem, es gab sie, die feinen Höhepunkte des vergangenen Filmjahres. Wenn auch von der Academy größtenteils nahezu vollkommen ignoriert, sind heute viele via Streaming verfügbar. Hervorgestochen sind zahlreiche sehenswerte Musikdokus. Nachzulesen hier. Ansonsten wurden zahlreiche Blockbuster neuerlich um ein Jahr verschoben. Was die Filmverleihe leider wieder nicht davon abgebracht hat, kleinere Film über Monate verzögert in die Kinos zu bringen. Nicht selten ein bis eineinhalb Jahre nach den Premieren. Immerhin gibt es Kinostarts noch. In der folgenden Auflistung wurden manche Filme mit einer sehr kurzen Spielzeit bedacht oder sie wurden direkt über Streamingplattformen vermarktet.

Kurioserweise war West Side Story erst vor wenigen Wochen in aller Munde, als der Film bei Disney+ veröffentlicht wurde. Zum Kinostart um Weihnachten hat sich noch kaum jemand für die Neuauflage des Klassikers interessiert. Als Coda im vergangenen August bei AppleTV+ veröffentlicht wurde, hat von dem zukünftigen Oscargewinner auch kaum jemand Notiz genommen. Es ändern sich gerade die Vermarktungsstrategien in vielerlei Hinsicht. Die Entscheidung, welche Filme ins Kino kommen oder nicht, ist nicht mehr nachvollziehbar (Siehe Pixar: Das Animationsstudio von Disney hat seine letzten Filme nur mehr auf der eigenen Streamingplattform veröffentlicht). Darüber hinaus werden einzelne Filme nicht einmal mehr beworben, selbst unter Abonnenten nicht. Das hat zur Folge, dass sehenswerte Filme auf den immer noch nicht kuratierten Streamingplattformen in der Fülle des Angebots untergehen. Es ist ein Ziel, dass ich mit der Seite THE REEL THERAPIST verfolge, zumindest einen kleinen Überblick zu geben und auf den ein oder anderen Film aufmerksam zu machen.

In den jeweiligen Filmbesprechungen befinden sich die Links zu den Filmen, sollten sie gerade online verfügbar sein. In den meisten Fällen sind sie in den Streamingabos inkludiert. Es ist eine vorläufige Übersicht. Der ein oder andere Film kann sich in den kommenden Wochen noch dazugesellen.

★★★★★

Flee (nur via VPN verfügbar)

Frau im Dunkeln (Netflix)

Pig (AmazonPrimeVideo)

★★★★ ½

Beyond The Infinite Two Minutes (2020, nur via VPN verfügbar)

The Card Counter (im Kino)

Drive my Car (im Kino)

In the Heights (Sky)

The Mitchells gegen die Maschinen (Netflix)

Parallele Mütter (im Kino)

Petite Maman – Als wir Kinder waren (im Kino)

The Power of the Dog (Netflix)

Spencer (im Kino)

Macbeth (AppleTV+)

West Side Story (Disney+)

★★★★

Abteil Nr. 6 (im Kino)

Helden der Wahrscheinlichkeit (AppleTV+ €)

Red Rocket (ab 15. April im Kino)

Spacedogs (Amazon €)

The Suicide Squad (Sky)

tick, tick … BOOM! (Netflix)

Titane (Amazon, AppleTV+ €)

Der schlimmste Mensch der Welt (ab 2. Juni im Kino)


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